Leseproben

Der nullte Tag
Wolf und Biedermann
Aixitus

Kapitel 1

Mit den Tiefpunkten im Leben ist es wie mit der Fahrt abwärts in einem Aufzug: Nachdem das anfängliche flaue Gefühl im Magen verflogen ist, spürt man nicht mehr, dass es abwärtsgeht. Man wird dessen erst wieder gewahr, wenn der Aufzug verzögert. Gleich darauf öffnen sich auch schon die Türen, man tritt hinaus und ist unten angekommen.

Mir ist das vor rund drei Wochen geschehen. Zuvor hatte ich kaum wahrgenommen, dass ich auf dem Weg hinab war. Möglicherweise hatte ich das ursprüngliche flaue Gefühl im Magen auch bereits vergessen, weil ich schon so lange unterwegs war. Plötzlich aber war der Moment gekommen. Ohne es zu bemerken, war ich unten angelangt, ganz tief unten.

Seitdem jedoch – und darum gefällt mir diese Analogie mit dem Aufzug, mag sie auch noch so hinken – geht es allmählich wieder aufwärts mit mir, geht es mir von Tag zu Tag besser. Irgendwann, in ein paar Wochen vielleicht, werde ich hoffentlich nicht wieder ganz der Alte sein, sondern ein besserer Mensch: ehrlicher, zielstrebiger, geselliger, zäher, mir meiner Vergänglichkeit bewusster und deshalb umso dankbarer für jeden neuen Tag. Ich werde sozusagen Markus Schrader 2.0 sein, ein signifikantes Upgrade im Vergleich zur absturzgefährdeten ersten Version. Eine Wiedergeburt, ist das etwa nichts? Na also. Das muss gefeiert werden!

Ich schalte den Verdampfer ein, befüllt mit marokkanischem Chocolata, einer Rarität, die mein Hausdealer Willi extra für mich Rekonvaleszenten aufgetrieben hat. Wie der Name schon sagt, hat Chocolata-Haschisch die Konsistenz von Schokoladencreme, da es nicht nachgepresst ist. Es schmeckt und riecht indessen um ein Vielfaches besser. Ich nehme einen tiefen Zug und lehne mich im Sessel zurück.

„Kompliment, das Zeug kann was!“, sagt die Stimme in meinem Kopf, Voids Stimme.

Ich stimme zu. Das Chocolata ist wirklich phänomenal, ungeheuer stark in der Wirkung und voll im Geschmack, mit Aromen von Eukalyptus und Pinien. Noch ein paar Züge davon und ich werde stoned wie ein japanischer Steingarten sein, mich kaum noch rühren können, aber gleich ist die A-Seite der Schallplatte zu Ende. Seufzend stemme ich mich aus dem Sessel, gehe zur Stereoanlage und drehe die Platte um. Dann setze ich mich wieder, paffe zufrieden weiter vor mich hin und lausche Clara Haskils Interpretation von Mozarts Klavierkonzert KV 466.

Dabei denke ich an dies und das. Zunächst denke ich kurz darüber nach, ob ich mir nicht doch endlich einen CD-Player anschaffen soll. Gerade in THC-lastigen Momenten wie diesem wären die längere Spieldauer der CD und die Fernbedienung des Players entscheidende Vorteile gegenüber der Schallplatte. Dennoch verwerfe ich den Gedanken rasch wieder. Außer meinem Notebook und meinem Handy kommt mir kein Gerät ins Haus, das auch nur eine einzige Zeile Programmcode zu seinem Funktionieren benötigt, noch nicht einmal eine Kaffeemaschine mit elektronischem Timer. Da bin ich eisern. Elektronischen Schnickschnack lehne ich rundweg ab, nicht obwohl, sondern gerade weil ich ein ganz passabler Hacker bin.

Neben der durchaus berechtigten Befürchtung, dass Void meine Kaffeemaschine hacken und damit meine Wohnung in Brand setzen könnte, hat das ästhetische Gründe. Ästhetik war mir immer schon wichtig. Ich besitze nur äußerst wenige Gegenstände, derart wenige, dass Fremde, die meine Wohnung betreten, stets annehmen, ich sei noch im Einzug begriffen. Mitnichten, ich bin einfach nur wählerisch, kaufe lieber nichts, als Schrott zu kaufen, und bevorzuge funktional überragende, schnörkellos auf ihre Essenz reduzierte Dinge gegenüber den überfrachteten. In meinen Seminaren provoziere ich meine Zuhörer gerne mit der Aussage, als Philosoph werde Wittgenstein maßlos überschätzt, als Innenarchitekt jedoch ebenso dramatisch unterschätzt. Wittgensteins architektonischer Stil war in seinem krankhaften Putzfimmel begründet, sogar die Heizkörper des Hauses Wittgenstein in Wien hat er auf ihre gute Abwaschbarkeit hin optimiert. Dieses spezielle Problem habe ich nicht, aber mein Einrichtungsstil kommt dem seinen sehr nahe.

Meine spärlichen Besitztümer jedenfalls sind allesamt sorgfältig ausgewählt, von erlesener Qualität und schlichter Schönheit. Ich mag Dinge, deren Funktionsweise allein durch Anschauen und Anfassen sicht- und begreifbar ist, wie bei meinem Plattenspieler. Ich mag Dinge, denen man ansieht, dass ihre Form und Herstellungsweise über Jahrhunderte hinweg ausgereift und vervollkommnet wurde, wie bei rahmengenähten Lederschuhen. Ich mag zeitlose Designs wie das meines alten Mini Cooper S, der mit dem gleichnamigen bayerischen Semmelknödel von heute sonst nichts gemein hat. Ich schreibe lieber mit einem Füllfederhalter bei Kerzenlicht als mit einem Kugelschreiber im Schein einer Energiesparlampe. Ein CD-Player passt einfach nicht in diesen Reigen.

Nachdem die Frage nach dem CD-Player abgehandelt ist, denke ich an meine Psychiaterin. Das gute Fräulein Dr. med. Irene Wackernagel würde im Karree springen, wenn sie wüsste, dass ich trotz ihrer Warnungen vor den möglichen Auswirkungen auf meine fragile geistige Gesundheit seit einer Woche wieder regelmäßig kiffe. Ihre Warnungen habe ich zur Kenntnis genommen, indessen habe ich den Eindruck, dass mir das Kiffen guttut. Ich schlafe davon ganz wunderbar, auch mein Appetit ist wieder zurückgekehrt. In den Wochen vor meinem psychischen Zusammenbruch hatte ich das Essen regelrecht verlernt, meine Kleidung schlotterte mir nur so am Leibe. Seitdem jedoch habe ich bestimmt fünf Pfund zugenommen, obwohl ich jeden Tag ausgedehnte Spaziergänge mache. Spazieren gehen ist gut für Körper und Seele, und die nötige Zeit dafür habe ich ja jetzt. Ich habe so viel Zeit, wie ich will.

Wie auf dieses Stichwort hin schellt mein Wecker. Es ist kurz vor 21 Uhr, meine schöne Nachbarin Sabine Dolz wird bald heimkommen. Was Sabine beruflich macht, habe ich noch immer nicht herausfinden können, aber ich weiß, dass sie werktags immer erst gegen Mittag mit einem Bus der Linie 13 zur Arbeit fährt und fast ausnahmslos mit dem 20:55-Uhr-Bus derselben Linie heimkommt.

„Schämst du dich eigentlich nicht, du kleiner Spanner?“, höhnt die fremde Stimme in meinem Kopf.

Ja, ich schäme mich, ein bisschen. So ein richtig gesundes, sozial akzeptiertes Hobby ist das wahrlich nicht, allabendlich seine Nachbarin im Hochhaus gegenüber dabei zu beobachten, wie sie sich nach einem langen Arbeitstag in ihre Aerobic-Klamotten wirft und eine halbe Stunde lang Yogaübungen macht. Doch ich wäre kein Philosoph, wenn ich nicht ein paar gute Ausreden parat hätte. Erstens ist Void an allem schuld, denn der hat mir das Teleskop geschenkt, oder besser: beschafft. Eines Tages klingelt es an der Tür und der Paketbote bringt zwei riesige Pakete aus Italien, für mich. Darin ein wahrhaft gigantisches Teleskop eines mir unbekannten japanischen Herstellers sowie ein Stativ, Gegengewicht, verschiedene Okulare und weiteres Zubehör. Als ich später google, dass allein das Teleskop mehr als zwanzigtausend Euro kostet, trifft mich fast der Schlag, denn Void hat natürlich keinen Cent dafür bezahlt, hat das Ding irgendwie ergaunert. Ich packe die Sachen wieder ein und warte lange darauf, dass die Polizei sie abholen kommt.

Erst nach geraumer Zeit, vor ein paar Tagen, siegt die Neugierde. Ich beschließe, das Teleskop wenigstens einmal auszuprobieren. Mir damit die Sterne anzuschauen, wie Void es tut, wird mir rasch zu öde, also richte ich es spielerisch auf das Hochhaus gegenüber – und sehe eine atemberaubend schöne Blondine im hautengen Aerobic-Anzug, die sich gerade in ziemlich atemberaubender Weise verrenkt. Sie macht ihre Übungen in ihrem hell erleuchteten Wohnzimmer, hinter der gardinenlosen Glastür zum Balkon. Ihre Wohnung liegt meiner nahezu frontal gegenüber, zwei Stockwerke tiefer. Der Blickwinkel ist somit ideal, und das Teleskop phänomenal. Ich sehe diese bildschöne junge Frau besser, als wenn sie sich im selben Raum mit mir befände. Wenn ich ganz nahe heranzoome, kann ich jede Pore ihrer Haut, jedes Flaumhärchen in ihrem Nacken, jede Naht ihrer Kleidung in aller Ruhe wie unter einer Lupe betrachten. Und genau das tue ich, schon seit Tagen. Wenn sie still verharrt, ihre Yogapositionen hält, zoome ich heran und studiere ehrfurchtsvoll immer neue Details ihrer makellosen Physis. Ich fühle mich dabei eher als ein Naturforscher, ein Anatom, denn als ein Voyeur – und ich kann es einfach nicht lassen. Was soll ich sagen? Ich kann mich nicht an Sabine sattsehen, kann nicht genug von ihr bekommen. Der Gedanke, dass sie womöglich schon seit Jahren im Haus gegenüber wohnt, dass ich sie während der vergangenen drei Jahre im wahrsten Sinne des Wortes übersehen haben könnte, macht mich rasend.

Zweitens ist dies nur eine Phase, kein Dauerzustand. So oder so, ewig wird das mit diesem Voyeurismus nicht weitergehen. Früher oder später wird der italienische Händler Voids Betrug bemerken und sein Teleskop zurückfordern. Die Lieferadresse, meine Adresse, hat er ja, und einen Betrug über gut und gerne fünfundzwanzigtausend Euro schreibt man nicht so einfach ab. Selbst falls das nicht geschehen sollte, falls es Void irgendwie gelungen sein sollte, die Spur der Lieferadresse zu tilgen, werde ich doch hoffentlich irgendwann vollends genesen sein.

Den Punkt zu bestimmen, an dem ich mich wieder als „geheilt“ ins normale Leben entlassen kann, wird allerdings nicht ganz einfach werden. An ärztlichen Attesten kann ich diesen Punkt jedenfalls nicht festmachen. Auch Psychiater, das habe ich mittlerweile gelernt, können ihrem Gegenüber nur vor den Kopf schauen. Wenn ich es darauf anlegte, würde mich Dr. Wackernagel für den Rest meines Lebens krankschreiben. Niemand außer mir selbst weiß, wie gut oder schlecht es wirklich um meine geistige Gesundheit bestellt ist. Allein: Ich selbst weiß das auch nicht genau. Diese Unschärfe bei der Selbstwahrnehmung rührt nicht daher, dass ich nicht zwischen Wahn und Wirklichkeit zu unterscheiden vermag. Auch eine solche Phase habe ich durchgemacht, aber sie währte nur kurz und liegt hinter mir. Es ist vielmehr so, dass die Wahnvorstellungen meinem Willen gehorchen, zumindest bis zu einem gewissen Grad. Diese fremde Stimme in meinem Kopf höre ich, weil ich sie zulasse. Ich höre sie immer seltener, weil ich sie immer weniger zulasse, aber bereits jetzt könnte ich sie wahrscheinlich gänzlich verbannen, wenn ich mich nur hinreichend anstrengte, genügend gebündelte Willenskraft zum Tragen brächte. Dieses Experiment will ich jedoch zurzeit noch nicht versuchen, denn ein Fehlschlag wäre doch allzu niederschmetternd.

Ich habe mir darum, drittens und letztens, einen anderen Test überlegt: Der Tag, an dem ich es endlich wage, Sabine auf der Straße anzusprechen und auf einen Kaffee einzuladen, soll definiert sein als der Tag meiner vollständigen Genesung. Von diesem Tag an werde ich sie nie wieder beobachten. Falls es mir wider Erwarten gelingen sollte, erfolgreich mit ihr anzubandeln, wäre das ja auch ganz unnötig; falls nicht, wäre es schnöde, und schnöde ist nicht mein Stil. So einfach ist das.

Zumal, wer weiß, vielleicht wird ja wirklich etwas aus uns beiden. Vielleicht lachen wir eines Tages gemeinsam darüber, dass wir uns wegen dieses Teleskops und der bizarren Geschichte dahinter kennengelernt haben. Sie ist Single, ich bin Single; ich bin achtundzwanzig, sie dürfte so um die fünfundzwanzig, sechsundzwanzig sein, vom Alter her passt es somit; sie besitzt ebenfalls keinen Fernseher, ein unglaublicher Segen aus meiner Warte; sie sieht aus wie die schönere Schwester von Gisele Bündchen, ich sehe ein bisschen aus wie Jude Law, behauptet zumindest Dr. Wackernagel. Ansonsten weiß ich überhaupt nichts über Sabine – erstaunlicherweise hat sie im Internet keine verwertbaren Spuren hinterlassen, genau wie ich –, weder Bemerkenswertes noch Nachteiliges. Warum also, bitteschön, sollte es nicht klappen mit uns?

Nur deswegen habe ich mir gestattet, ihren Namen in Erfahrung zu bringen. Wenn ich sie lediglich begaffen wollte, wäre dieses Auszählen von Wohneinheiten und Ablesen von Klingelschildern ein unzulässiger Übergriff, wäre pures Stalking. Unter den gegebenen Umständen indessen ist es die Vorbereitung eines Kennenlernens. Gleiches gilt für ihre Inaugenscheinnahme mit dem Teleskop. Was könnte es Normaleres und Gesünderes geben, als seine Angebetete täglich sehen zu wollen? Der einzige Unterschied zwischen mir und jedem anderen Verliebten ist, dass ich es kann. Ich kann sie sehen.

So rede ich mir auch an diesem Abend wieder den Blick durchs Okular schön, während ich nun das Teleskop langsam in Richtung Bushaltestelle schwenke.

Auf einmal fällt mir ein orangefarbener Lichtpunkt im ansonsten dunklen Eingangsbereich der Nummer 4 a, Sabines Wohnturm, auf. Da steht jemand im Dunklen vor der Tür und raucht. Merkwürdig, denke ich, der Hauseingang hat doch einen automatischen Lichtschalter mit Bewegungsmelder, wie alle Häuser in der Siedlung. Warum hat er den ausgeschaltet?

Diese Ecke von Köln-Chorweiler ist das, was in den Medien gerne verharmlosend als „sozialer Brennpunkt“ bezeichnet wird. Hier müssen nur die muslimischen Frauen und die kleinen Kinder heimlich vor der Tür rauchen. Alle Übrigen erkämpfen sich das Recht, in der Wohnung zu rauchen, notfalls mit den Fäusten, eine Art Mannbarkeits- oder Frauwerdungsritual unter Hartz-IV-Empfängern und Mitgliedern von Großfamilien mit Migrationshintergrund.

Ich zoome näher heran. Der Raucher ist ein Mann um die vierzig, stattliche Figur, circa eins fünfundachtzig groß, mit dem Ansatz eines Bierbauchs. Er trägt ein kariertes Sakko zu Polohemd, Blue Jeans und bequem aussehenden Halbschuhen. Mit seinem Bäuchlein, seinem buschigen Walrossschnurrbart und seinem glänzenden Kahlkopf, der an eine polierte Billardkugel erinnert, müsste er eigentlich wie ein eher gemütlicher Vertreter wirken, wie ein trinkfester, lebensfroher Kegelbruder oder Karnevalist. So aber wirkt er nicht, ganz und gar nicht. Seine Augen sind so klein, hart und glänzend, als seien sie aus Glas, sein Blick zugleich abschätzig und aufmerksam, fast lauernd. Mit dem ist nicht gut Kirschen essen, und er legt offensichtlich Wert darauf, dass man ihm das anmerkt. Was ist das bloß für ein merkwürdiger Typ und was macht der da in dem Hauseingang?

„Bulle“, sagt die Stimme in meinem Kopf verächtlich. „Das ist definitiv ein Bulle.“

Vor lauter Überraschung vergesse ich meine eherne Regel, mich niemals mit der Stimme zu unterhalten und antworte: „Was? Ein Polizist?“

„Klar, das sieht doch jeder. Aber vergiss deinen Galileo Galilei nicht: ‚Wo ein Bulle ist, muss auch ein zweiter sein.‘ Also, wo ist der andere Bulle? Siehst du ihn?“

Hektisch schwenke ich das Teleskop hin und her. Erst nach einiger Zeit fällt mir die schwarze Mercedes S-Klasse mit getönten Scheiben auf, die unweit von der Bushaltestelle in einer Parkbucht steht. Den Mann hinter dem Lenkrad kann ich nur schemenhaft erkennen, trotz meines ungeheuer lichtstarken Teleskops. Wenn ich mich festlegen müsste, würde ich sagen, dass der Fahrer volle schwarze Haare hat.

„Bingo“, flüstert Voids Stimme. „Das ist der zweite Mann, der Partner vom Walross. Warte ab, die sind nicht zum Spaß hier. Gleich passiert hier etwas.“

Ich schwenke zurück zum Walross, der sich gerade eine frische Zigarette anzündet. Ich stutze, denn die Art, wie er das tut, lässt spontan eine Kindheitserinnerung erwachen.

Als Kind habe ich einmal gesehen, wie irgendwer in einem Western, ich glaube, es war John Wayne, ein Streichholz an seiner Stiefelsohle anzündete. Das imponierte mir mächtig, das wollte ich unbedingt auch können. Nachdem meine ersten Versuche erfolglos blieben, nahm ich eine Großpackung Streichhölzer sowie ein Fläschchen Feuerzeugbenzin, plünderte den Schuhschrank meiner Eltern und experimentierte einen ganzen Nachmittag lang. Bedauerlicherweise waren einige versengte Schuhe und ein paar Ohrfeigen von meinem Vater das einzige greifbare Resultat. Erst Jahre später lernte ich im Chemieunterricht, dass der Trick mit der Schuhsohle bei modernen Sicherheitszündhölzern einfach nicht mehr funktioniert. Dafür braucht man sogenannte „Alleszünder“, die man heutzutage fast nur noch in Osteuropa bekommt.

Nun, das Walross hat solche Alleszünder, reißt sie auch stilecht an seiner Schuhsohle an – aber selbst währenddessen hält er ununterbrochen Blickkontakt mit der Gestalt im Mercedes.

Ich höre dieses laute pneumatische Zischen, das vermutlich entsteht, wenn der Busfahrer die Türen vor dem Öffnen entriegelt. Jedenfalls bedeutet es, dass gerade ein Bus hält. Besorgt schwenke ich nach rechts zur Bushaltestelle, hoffe, dass Sabine heute ausnahmsweise mal nicht in diesem Bus sitzt. Ich weiß nicht, was Walross und Partner dort unten vorhaben, aber ich habe ein ungutes Gefühl und möchte nicht, dass Sabine in eine potenziell gefährliche Situation gerät.

Leider sitzt Sabine aber auch heute in diesem Bus. Sie steigt als Dritte aus, streicht mit einer Hand ihr langes Haar zurück, hält ihre Tasche in der anderen.

Für einen Moment vergesse ich das Walross und seinen Kollegen, bin wie jedes Mal geradezu bestürzt von ihrem Anblick und murmele: „Siehe, meine Freundin, du bist schön! Siehe, schön bist du!“ Ich kann meinen Blick kaum von ihr losreißen.

Doch dann sehe ich, wie der Fahrer den Mercedes anlässt und die Scheinwerfer einschaltet, unmittelbar nachdem sie den Wagen passiert hat. Ich schwenke zurück zum Walross, bekomme gerade noch mit, wie der seine Zigarette fallen lässt und sie hastig austritt. Was auch immer nun geschehen soll, es hat begonnen.

Auf der Straße ist nicht viel los. Sabine ist die einzige Person weit und breit, die in Richtung Hausnummer 4 a unterwegs ist. Mein Herz pocht mir bis zum Hals. Die werden es doch nicht etwa auf Sabine abgesehen haben?

„Das ist ja wie bei Hitchcocks ‚Das Fenster zum Hof‘ hier“, sagt die Stimme in meinem Kopf.

Nun hat Sabine beinahe den Eingang des Hauses 4 a erreicht. Der Mercedes folgt ihr im Schritttempo. Mit einem Mal bleibt sie stehen. Sie steht mit dem Rücken zu mir, aber ich erkenne an der Haltung ihrer Schultern, dass sie erschrocken ist: Das Walross hat sie angesprochen. Jetzt hat sie auch den Mercedes hinter sich bemerkt, dreht sich kurz danach um. Das Walross tritt unterdessen vor, baut sich vor ihr auf und redet auf sie ein. Dabei fuchtelt er mit etwas vor ihrer Nase herum, das wie ein Portemonnaie aussieht. Sie beugt sich leicht vor, sieht sich das Portemonnaie genauer an, nickt schließlich. Ihre Haltung entspannt sich etwas, während das Walross sein Portemonnaie wieder einsteckt.

Ach so, denke ich, Void hatte recht, der ist tatsächlich ein Polizist und gerade hat er ihr seinen Dienstausweis gezeigt. Der Gedanke beruhigt mich; ich vertraue der Polizei, zumindest im Großen und Ganzen, soweit man das als Hacker und regelmäßiger Konsument weicher Drogen eben kann.

Urplötzlich ergreift das Walross Sabines Rechte, verdreht ihr den Arm. Ihre Handtasche fällt zu Boden. Sabine vollführt eine Art halbe Pirouette im Gegenuhrzeigersinn, steht nun mit dem Rücken zum Walross, mir zugewandt. Ich sehe ihre schreckgeweiteten Augen und kann förmlich hören, wie sie aufschreit. Schnell packt das Walross auch ihren anderen Arm. Ich sehe etwas glitzern. Das darf nicht wahr sein, der legt ihr Handschellen an!

Ich möchte aufspringen, die dichten Vorhänge, hinter denen ich mich und mein Teleskop verberge, beiseite reißen, das Fenster weit aufstoßen und rufen: „He, lass die Frau los!“, doch mein Körper gehorcht mir in diesem Moment nicht mehr, so schockiert und zugedröhnt bin ich.

Das Walross hebt flugs Sabines Handtasche auf, hält dabei mit der Linken ihre Handgelenke fest. Danach zerrt er sie zum Mercedes, der inzwischen vor dem Haus gehalten hat. Sie wehrt sich kaum dagegen, obwohl sich in ihren ungläubig-erstaunten Gesichtsausdruck allmählich Entrüstung mischt.

Die hintere Beifahrertür wird von innen geöffnet. Ich verliere den Blickkontakt zu Sabine, weil das Walross ihren Kopf hinunterdrückt, während er sie in den Fond des Mercedes schiebt wie ein sperriges Gepäckstück. Seine Miene ist dabei völlig neutral, verrät keinerlei Aufregung oder Anstrengung. Für ihn ist das alles reine Routine. Er schlägt die Tür hinter ihr zu, dann steigt auch er ein, vorne auf der Beifahrerseite. Schließlich fährt der Mercedes mit quietschenden Reifen davon.

„Jammerschade, mein Freund, aber die siehst du so bald nicht wieder“, sagt Void lakonisch.

„Wieso meinst du?“

„Ja, glaubst du, die Bullen veranstalten so einen Zirkus, mit Zivilwagen, Handschellen und allem Trallala, weil sie im Supermarkt eine Flasche Shampoo geklaut hat? Glaubst du, die waren wegen der GEZ-Gebühren da? Träum weiter. Deine Sabine muss einiges auf dem Kerbholz haben.“

Ich möchte darauf entgegnen, dass es sich bei ihrer Festnahme nur um ein kolossales Missverständnis handeln kann, das sich sicherlich rasch aufklären wird. Vielleicht war es eine Verwechslung oder so etwas. Bald schon, in höchstens ein paar Stunden, wird Sabine wieder nach Hause kommen, ganz bestimmt.

„Aber weißt du, was seltsam ist? Die Bullen haben sie überhaupt nicht gefilzt. Wenn diese Frau schon so brandgefährlich ist, dass sie ihr unbedingt Handschellen anlegen mussten, warum haben die sie nicht gefilzt?“, fährt Void nachdenklich fort.

Abermals verkneife ich mir eine Antwort, denn mir wird schmerzlich bewusst, dass ich in den vergangenen Minuten die Stimme öfter gehört habe als in den ganzen Tagen zuvor und dass ich wiederholt den Fehler gemacht habe, auf sie einzugehen. Auch jetzt bin ich wieder versucht, zu antworten. Das ist der falsche Weg, der Weg zurück in die völlige geistige Umnachtung. Ich darf diese Stimme nicht zulassen, darf ihr nicht antworten, darf überhaupt nicht auf sie eingehen. „Gar ned ignorieren!“, das ist der einzige Weg, mit dieser vermaledeiten Stimme fertig zu werden. – Warum tue ich es dann nicht? Vielleicht hat Dr. Wackernagel doch recht, vielleicht schadet mir das Haschisch wirklich auf die Dauer? Schon bedauere ich, heute wieder gekifft zu haben.

„Hast du dir das Kennzeichen des Wagens gemerkt?“, fragt Void.

Nein, habe ich nicht, außerdem muss ich mich jetzt schleunigst zusammenreißen, diese Stimme endlich ausblenden. Basta, genug für heute! Während ich hier sitze und auf Sabines Rückkehr warte, werde ich mir noch einmal vor Augen führen, wie ich in diesen Schlamassel hineingeraten bin. Vielleicht gelingt es mir so, die Stimme zum Schweigen zu bringen.

 

Kapitel 2

Wo soll ich anfangen? Der Anfang vom Anfang ist wohl der Moment, als ich im Alter von acht Jahren ins Home-Office meines Vaters schleiche und mich zum ersten Mal heimlich an seinen PC setze. Ich erkenne sofort: Dies ist meine Welt, hier gehöre ich hin. Einen Monat später läuft mein erstes selbstgeschriebenes Programm und berechnet Primzahlen mit dem Sieb des Eratosthenes; drei Monate später habe ich einen eigenen Rechner in meinem Kinderzimmer, einen Atari, weil mein Vater seinen PC endlich wieder für sich allein beanspruchen möchte.

Trotz meiner Faszination für Computerprogrammierung, die ich niemals wieder verliere, verlebe ich eine ganz normale, glückliche Jugend bei meinen Eltern in Freiburg: gute Noten in der Schule, Tennis und Handball im Verein, viele Reisen mit den Eltern, Auslandsjahr bei Gasteltern in den USA, die erste richtige Freundin, Mathe und Physik als Leistungskurse, Abitur mit 1,2 und anschließend Wehrdienst. Danach studiere ich Informatik an der TU München, weil das Deutschlands beste Uni dafür ist und für mich ohnehin nie ein anderes Fach in Frage kam. Das Studium bewältige ich locker, meine Eltern sind stolz auf mich.

Während des Studiums gerate ich jedoch über die mathematische Logik an die Aussagenlogik, die zu meiner neuen Leidenschaft wird. Ferner komme ich ein paarmal zu oft ins Grübeln, habe viele Fragen, die im Rahmen eines Informatikstudiums nicht in hinreichender Tiefe behandelt werden können. Ich beschließe, im Anschluss Philosophie zu studieren, um diesen Fragen nachzugehen.

Meine Eltern verstehen das nicht. Mein Vater Rudolf hat sich vom ungelernten Schnapsvertreter zum Geschäftsführer einer großen Verpackungsfabrik hochgearbeitet, die hauptsächlich die Spirituosenindustrie beliefert. Seine Produkte stehen in jedem Supermarkt. Der edle Pappzylinder um die Whiskyflasche, der reliefgeprägte Geschenkkarton mit Golddruck und Sichtfenster, in dem der teure Kirsch-Edelbrand verkauft wird, das alles ist sein Werk. Für ihn ist ein Studium nicht unbedingt pure Zeitverschwendung, auch er wird lieber von ausgebildeten Ärzten behandelt und von qualifizierten Juristen vertreten als von Autodidakten, aber man muss schon „etwas damit anfangen“ können. Was man mit einem Philosophiestudium anfangen soll, versteht er nicht. Meine Mutter Nicole, gelernte Kosmetikerin und eine herzensgute Frau, die jedoch ziemlich in seinem Schatten steht, versteht es ebenfalls nicht. Mein jüngerer Bruder Alex, der gerade sein BWL-Studium begonnen hat und der bereits vor dem Stimmbruch einen regelrechten Businessplan für den Rest seines Lebens erstellt hatte, lacht mich aus.

Doch ich bin stur. Nach langem, zermürbenden Gezänk packe ich meine Koffer, ziehe nach London und studiere Philosophie, Logik und Wissenschaftliche Methodik an der London School of Economics. Deren Philosophische Fakultät ist hervorragend, der Kursus exzellent, aber London ist eine immens teure Stadt. Mein Vater, der mein Studium finanziert, zahlt zunehmend zähneknirschend.

Für mich dagegen ist es längst keine Frage mehr, dass ich nach dem Master-Studium promovieren möchte. Um meinen Vater zu besänftigen, greife ich zu einer List. Ich erwähne ganz nebenbei, dass eine der Koryphäen auf meinem speziellen Interessengebiet an der Universität zu Köln lehrt: Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Walter Hornung. Mein Vater ist begeistert. Köln ist so viel sicherer und sauberer (damit meint er: billiger) als London. Und den Hornung kennt ja sogar er, aus dem Fernsehen. Na bitte, aus dem ist doch auch was Gescheites geworden, obwohl er Philosoph ist.

So geschieht es. Der Familienfrieden ist gewahrt, mein Vater sieht mich schon in Hornungs Fußstapfen wandeln und gewöhnt sich allmählich an den Gedanken, einen Exoten, einen im Elfenbeinturm hausenden Philosophen, in der Familie zu haben. Ich ziehe nach Köln und begebe mich unter die Fittiche von Professor Hornung, der zwar nicht unbedingt meine allererste Wahl ist, aber keinesfalls eine schlechte.

In Fachkreisen ist Hornung nicht zuvörderst wegen seiner wissenschaftlichen Beiträge anerkannt, sondern vielmehr als ein ausgezeichneter Wissenschaftsmanager. Er versteht sich wie kaum ein Zweiter darauf, Fördermittel an Land zu ziehen, seine eigenen Leute auf begehrte Posten zu lancieren, Rivalen wegzubeißen, selbst Sinekuren einzuheimsen und jüngeren Akademikern Stipendien zuzuschanzen. Es gibt kaum ein Gremium, kaum ein Preiskomitee, kaum eine Berufungskommission, in der er nicht vertreten wäre. Mit anderen Worten, als Doktorvater kann er aufstrebenden Jungakademikern wie mir weit mehr als nur ein paar gute Ratschläge mit auf den Weg geben.

Der Grund, warum selbst mein Vater seinen Namen kennt, ist freilich ein anderer: Neben seinen übrigen Qualitäten ist Hornung nämlich ein begnadeter Phrasendrescher, ein Philosophaster erster Güte. Mit seiner bis auf den Hemdkragen wallenden silberfarbenen Mähne, seiner absurden kleinen Designerbrille, seinem neckischen Halstüchlein und seiner kalten Pfeife im Mundwinkel sieht er genauso aus, wie sich Talkshow-Produzenten einen Philosophen echten Schrot und Korns vorstellen. Darum ist er häufig Gast in verschiedenen Talkshows. Dort spricht er so, wie es die Produzenten von einem Philosophen erwarten, nämlich laut genug für den Toningenieur, deutlich in der Aussprache, flüssig im Vortrag, höflich und nachdenklich im Ton, aber inhaltlich absolut unverständlich.

Zumeist geht es bei diesen Talkshows ja um aktuelle ethische, gesellschaftspolitische oder wirtschaftliche Fragen, von denen Hornung als Logiker auch nicht mehr versteht als sein Friseur. Hornungs Genie indessen besteht darin, Lesefibel-Binsenweisheiten auf Wortbeiträge von fünf Minuten aufblähen zu können, fünf Minuten voller Gräzismen und Latinismen, voller Worthülsen wie „Entgrenzung“ oder „Subjektivierung“, voller Erwähnungen und Zitate diverser großer Geister der Antike und Moderne. Da selbst gestandene Intellektuelle Mühe haben, seinen kryptischen, wenngleich überaus tiefschürfend klingenden Einlassungen zu folgen, provoziert er damit nur wenig Widerspruch und kann sich gegen Ende der Sendung ohne Gesichtsverlust der Mehrheitsmeinung anschließen: Hornung nimmt die Pfeife aus dem Mund, zögert einen Augenblick, nickt schließlich stumm und etwas gequält. Seine wahre Position in dieser Frage ist natürlich weitaus vielschichtiger und komplexer als diese unerträglich vergröbernde Vereinfachung, aber, herrje, was kann man einem Laienpublikum schon zumuten?

Doch genug von Hornung. Ich komme gut mit ihm aus, er ist ein ausgezeichneter Doktorvater und trägt keine Schuld an dem, was alsbald folgt.

 

Auf Abwege gerate ich nur wenige Tage, nachdem ich mich in Köln immatrikuliere: Auf meiner brandneuen @uni-koeln.de-E-Mail-Adresse, von deren Existenz eigentlich niemand außerhalb der Universität wissen sollte, erhalte ich eine Phishingmail. Ich werde namentlich angesprochen und in leidlich gutem Deutsch darüber informiert, dass mein PayPal-Konto aus Sicherheitsgründen leider bis auf Weiteres gesperrt werden musste. Um es wieder freizuschalten, soll ich auf den in der Mail enthaltenen Link zum PayPal-Sicherheitszentrum klicken und dort einige persönliche Angaben nachreichen.

Na, denke ich, die haben sich aber den Falschen ausgesucht. Denen werde ich helfen. Über einen anonymen Proxyserver steuere ich den rumänischen Webserver an, auf dem die vorgebliche PayPal-Eingabemaske gehostet ist. Dort werden auch die mittels dieser Eingabemaske erschlichenen Konto- und Kreditkartendaten jeweils zwischengespeichert, bevor sie ein Script blockweise an eine russische E-Mail-Adresse weiterleitet. Ich spiele ein bisschen mit dem rumänischen Webserver herum und stelle zu meiner Überraschung fest, dass die Phisher ihren Server so gut wie gar nicht gesichert haben. Dass dies die Norm ist, dass die allermeisten kriminellen Hacker ziemliche IT-Nieten sind, soll ich erst im Laufe der Zeit lernen. Jedenfalls gelingt es mir innerhalb weniger Minuten, über eine SQL-Injektion in ein CGI-Skript die Benutzertabelle zu modifizieren und meine neuen Benutzerprivilegien auf „root“ zu eskalieren. Dann mache ich Tabula rasa, sperre alle anderen Benutzer aus und lösche alle Daten auf dem Server unwiederbringlich. Schließlich, als i-Tüpfel, sende ich einen kleinen Gruß an die russische E‑Mail-Adresse, unter der die gephishten Daten gesammelt werden sollten. Als Absender gebe ich dabei das an, was den Phishern abgeht, nämlich Hirn, oder Br41n im internationalen Hackerslang.

Nach deutschem Recht habe ich damit gleich eine ganze Reihe von Straftaten begangen – aber wo kein Kläger, da kein Richter. Außerdem hat mir die Sache enormen Spaß gemacht, derart viel Spaß, dass ich in den folgenden Tagen gezielt nach weiteren von Phishern, Cardern, eBay-Betrügern und anderen Scammern genutzten Webservern suche und diese aus dem Verkehr ziehe. Fast alle davon kann ich kapern, bei der Handvoll, bei der mir das nicht gelingt, „vergifte“ ich die Datenbanken mit selbstgeschriebenen Skripten, die aus digitalen Telefonbucheinträgen und Zufallszahlen vollautomatisch plausibel wirkende Datensätze erzeugen. Zigtausende dieser Dummy-Datensätze speise ich in die Datenbanken der Scammer ein, bis denen die Speicherkapazität ausgeht. Auch bei diesen Gelegenheiten lasse ich die Scammer stets wissen, wem sie ihr Scheitern zu verdanken haben: Br41n.

So geht das monatelang. Unterdessen frage ich mich natürlich des Öfteren, warum mir diese Aktivitäten als halb guter, halb böser Grey-Hat-Hacker eigentlich derart viel geben, mir eine derart tiefe Befriedigung verschaffen, obwohl ich mich in den ganzen Jahren zuvor kaum für das Thema Computersicherheit interessiert habe.

Nun, ich kenne in Köln keine Menschenseele, anders als in London begegne ich auch kaum jemandem, mit dem ich mich gerne anfreunden würde. Vielleicht liegt das an mir, vielleicht liegt es daran, dass das Fach Philosophie in Köln einen ganz anderen Stellenwert hat und eine ganz andere Klientel anzieht als in London. Unter den Kölner Philosophen gibt es zum Beispiel große Schnittmengen mit Fächern wie Kunst- und Medienwissenschaften. Das intellektuelle Niveau ist dementsprechend. Ferner wimmelt es nur so von Seniorenstudenten: leicht reizbare alte Herrschaften mit Jägerhut und Lodenmantel, die bevorzugt aus ihrer Lebenserfahrung heraus argumentieren und die vor allem die Frage umtreibt, warum es mit Deutschland seit den Sechzigerjahren kontinuierlich bergab gegangen sei, alt gewordene Gammlertypen mit ergrauendem Zottelbart und nikotinverfärbten Fingerspitzen, die „einfach mal irgendwie das ganze System hinterfragen“ möchten, heiter-verklärt dreinblickende Eunuchen mit Baskenmütze sowie gutartige Frauen mit Meckifrisur und Birkenstocksandalen, die in mindestens jedem zweiten Satz Gott erwähnen.

Zudem ist die Arbeit an einer Doktorarbeit naturgemäß eine einsame, bei der man einen langen Atem haben und jahrelang auf Anerkennung warten können muss. Beim Hacken hingegen finde ich augenblicklich Selbstbestätigung und – wenn auch negative – Anerkennung. Ich selbst merke sofort, und die Scammer lernen schnell, dass ich in meiner neuen Rolle als Br41n einiges auf dem Kasten habe.

Die meisten Scammer antworten auf meine Spott-E‑Mails. Ihre Reaktionen folgen stets demselben Muster. Anfänglich sind sie sehr von sich überzeugt, schreiben Sätze wie: „Hey, du kleiner Pisser, wenn du glaubst, es mit mir aufnehmen zu können, hast du dich aber getäuscht. Ich habe Tausende von Rechnern unter meiner Kontrolle und verdiene jede Woche mehr Geld, als du in deinem ganzen Leben verdienen wirst.“ Manche schicken mir sogar zum Beweis ihres Erfolgs Fotos ihrer schnellen Autos und sexy Freundinnen, gerne auch von beiden zugleich, die spärlich bekleidete Freundin auf der Motorhaube drapiert. Das ist die viel besungene russische Seele, wie sie leibt und lebt. Meine persönliche Trophäensammlung umfasst bald Dutzende Fotos junger Irinas und Swetlanas, die in Reizwäsche vor den BMWs ihrer kriminellen Freunde posieren. Zumal wenn die Freundin eher stämmig gebaut oder grimm von Angesicht und der BMW ein betagtes Dreier-Modell ist, treiben mir diese Fotos oftmals Lachtränen in die Augen.

Später, nachdem ich demselben jungen Russen, Ukrainer, Rumänen oder Bulgaren mehrere Server in Folge abgenommen habe, wird der Ton nachdenklicher. „Sag mal, Br41n, ist das eine persönliche Sache zwischen uns? Kennen wir uns, habe ich dir irgendetwas getan?“ Noch später, wenn der betreffende Scammer kein Bein mehr auf den Boden bekommt, keine Einnahmen mehr hat, weil ich mittlerweile seine individuelle Handschrift kenne und seine sämtlichen Betrugsversuche schon im Ansatz durchkreuzen kann, folgt nackte Verzweiflung: sinnlose Morddrohungen, Angebote von „Gewinnbeteiligungen“ oder Schutzgeldzahlungen, schamloses Gebettel. „Hier bei uns gibt es keine andere Arbeit, und von irgendwas muss ich doch leben.“

Doch ich habe kein Mitleid mit diesen Leuten, überhaupt kein Mitleid. Ich werde immer besser bei dem, was ich tue, verwende immer mehr Zeit darauf, vernachlässige die Arbeit an meiner Dissertation immer mehr.

Da mir in freier Wildbahn allmählich die Ziele ausgehen, ich kaum noch frische Phisher finde, melde ich mich bei einigen Foren für Möchtegern-Black-Hat-Hacker an. Mein Forenname dort ist – natürlich – L0gik. Obwohl ich mich selbst nicht an Straftaten beteilige, gelingt mir von den Foren der Möchtegern-Hacker aus schnell der Sprung in die IRC-Kanäle und Darknet-Foren des harten Kerns. Wieso? Weil sogar unter der selbsterklärten Elite der Black Hats, der „leet“ oder 1337, höchstens jeder Fünfzigste programmieren kann. Alle Übrigen verwenden vorgefertigte Skripte und kennen höchstens zwei, drei Tricks, die sie irgendwo aufgeschnappt haben.

Nun führe ich ein digitales Doppelleben. Als L0gik werde ich rasch zu einem gefragten Technikexperten, der den Scammern online Tipps gibt und ihre hingestümperten Programme zum Laufen bringt; als Br41n hingegen bin ich nunmehr umfassend über ihre Aktivitäten informiert, kenne ihre Pläne im Voraus und kann sie effektiver bekämpfen denn je. Dieses Doppelleben kostet mich mindestens doppelt so viel Zeit wie zuvor, aber ich bin mittlerweile gründlich angefixt, stürze mich bereitwillig immer tiefer in diese Schattenwelt.

Unter beiden meiner Identitäten gewinne ich mit der Zeit eine gewisse Prominenz. Als L0gik werde ich erst zum Moderator, dann zum Administrator diverser Foren ernannt, betreibe schließlich sogar mein eigenes Forum, Zutritt nur für die „Elite innerhalb der Elite“. Ich bestimme, wer würdig ist, diesem innersten Kreis beitreten zu dürfen, hole Referenzen ein, überprüfe, ob Anwärter wirklich diejenigen sind, die sie zu sein behaupten. Ich schlichte Streitigkeiten unter den Black Hats, ermögliche das Zustandekommen von Deals zwischen Unbekannten, indem ich mich mit meinem guten Namen für die Seriosität beider Parteien verbürge. Man schätzt mich, respektiert mein Urteil, blickt zu mir auf. Immer häufiger werde ich mit einem legendären Superhacker namens Void verglichen, mit dessen Bekanntschaft sich viele brüsten, von dem mir aber niemand auf Nachfrage irgendwelche Kontaktdaten nennen kann. Allmählich beginne ich diesen Burschen für einen Mythos zu halten, doch irgendwann taucht er plötzlich in einem der IRC-Kanäle auf, sagt ein paar Leuten kurz „Hi“ und verschwindet wieder. Meinen Gruß erwidert er nicht.

Als Br41n werde ich zur sagenumwobenen Nemesis der Black Hats, so sehr, dass sie sich häufig bei Streitigkeiten untereinander drohen, dem anderen ihren guten alten Kumpel Br41n auf den Hals zu hetzen. Etliche Leute beginnen, sich für Br41n auszugeben, was mich allerdings nicht weiter stört, mir sogar entgegenkommt.

Ich selbst nämlich entwickele die Rolle von Br41n längst weiter, dehne sie zunehmend ins reale Leben meiner Gegner aus. Anstatt lediglich ihre Aktivitäten zu stören, will ich sie der Polizei ans Messer liefern, will dafür sorgen, dass sie physisch hinter Schloss und Riegel wandern.

Leider jedoch muss ich schnell feststellen, dass deutsche Polizeibehörden eine ganz einfache Regel haben: Jedem Hinweis auf Kinderpornografie im Internet wird unverzüglich und mit massivem Ermittlungsaufwand nachgegangen, aber alle anderen Formen der Internetkriminalität interessieren sie nicht, insbesondere falls der oder die Täter im Ausland sitzen. Sie wollen davon einfach nichts hören, selbst wenn man ihnen die Täter auf dem Silbertablett serviert, appetitlich garniert und mit einem Apfel im Mund. Die Amerikaner hingegen, auch das stelle ich bald fest, haben eine andere Regel: Wann immer unter den Geschädigten eines Internetdelikts amerikanische Staatsbürger sind, balgen sich gleich zwei Ermittlungsbehörden, das FBI und der Secret Service, erbittert darum, die Täter verfolgen zu dürfen, ganz gleich, in welchem Winkel der Welt sich diese befinden mögen.

Ich entscheide mich für den Secret Service und bekomme einen eigenen Kontaktbeamten zugewiesen, nennen wir ihn Jay, der selbst sonntags in Minutenschnelle auf meine E‑Mails reagiert. Die Erfolgshonorare, die er mir in Aussicht stellt, lehne ich ab. Auch auf seine persönliche Anerkennung kann ich gut verzichten. Nein, ich arbeite mit Jay zusammen, weil ich darauf vertraue, dass er die von mir gelieferten Informationen tatsächlich nutzt. In dieser Beziehung, wenn auch nur in dieser, vertraue ich ihm. Anders als seine deutschen Kollegen ist Jay voll am Ball, stets hungrig nach mehr. Er verlangt, dass ich ihm „alles“ liefern soll, unter anderem jedes Byte, das durch mein eigenes Forum rauscht, aber auch das tue ich natürlich nicht. Stattdessen bekommt er von mir leichte Beute: Scammer, deren Klarnamen ich zweifelsfrei identifizieren konnte, nebst dem erforderlichen Beweismaterial, aus dem ich zuvor penibel sämtliche Hinweise auf meine eigene Identität getilgt habe. All das kostet Zeit, sehr viel Zeit. Eigentlich ist es ein Vollzeitjob.

 

Es dauert lange, mehr als zwei Jahre, bis meinem Umfeld auffällt, dass es um mich und meine Dissertation nicht zum Besten steht. Dann aber scheint es allen zugleich aufzufallen. Hornung bestellt mich in sein Büro ein und will endlich Resultate sehen, eine nahezu vollendete Dissertation, die nur noch ein wenig Feinschliffs bedarf. Als ich ihm eröffne, dass ich kaum mehr als eine Gliederung und ein Einleitungskapitel vorzuweisen habe, welches er bereits vor mehr als einem Jahr gelesen hat, geht er an die Decke. Ich wiegele ab, mache ihm weis, die Dissertation sei in meinem Geiste sozusagen fertig geschrieben, sämtliche Quellen gelesen und sämtliche eigenen Gedanken geformt und ausformuliert, ich müsse das Ding eben nur noch zu Papier bringen. Er stellt mir ein Ultimatum: Ein Jahr gewährt er mir noch, danach droht die Zwangsexmatrikulation.

Mein Vater fragt zunehmend insistent nach, wann ich mit meiner Dissertation denn endlich „zu Potte kommen“ wolle.

Schließlich taucht sogar mein kleiner Bruder Alex bei mir auf, vielleicht, weil er von den Eltern vorgeschickt wurde, vielleicht aus purem Geltungsdrang. Jedenfalls möchte er mir, ganz wie meine Hackerkundschaft, sein Auto und seine Frau zeigen. Das Auto ist ein alter Neunelfer mit mehr als hundertfünfzigtausend Kilometern auf dem Tacho, aber immerhin. „Mein erster Porsche“, wie er stolz bemerkt. Die Frau heißt Isabell, ist neunzehn Jahre alt und geht noch zur Schule, ist aber gekleidet wie die Queen Mum, mit einem lachsfarbenen Twinset und einer dicken Perlenkette um den Hals. Ich finde das schade, denn sie ist ausgesprochen attraktiv und sähe in Reizwäsche bestimmt ganz reizend aus. Die karge Einrichtung meiner Wohnung sowie deren Lage in diesem sozial schwachen Viertel sind ein regelrechter Schock für sie.

„Wie kann man bloß so leben?“, lamentiert sie in einem fort. „Man muss doch auch repräsentieren können!“

Ich widerspreche ihr nicht, so viel bin ich meinem Bruder schuldig.

Der kumulative Druck verfehlt seine Wirkung nicht. Ich ziehe mich fast vollständig aus den Foren zurück und arbeite wieder intensiv an meiner Dissertation. Beinahe kriege ich die Kurve zurück in ein normales Leben, zumal in diesen Tagen etwas Schreckliches geschieht, das mir die Lust an der Hackerjagd vergällt.

Einer der allerersten Black Hats, die ich dem Secret Service ans Messer geliefert habe, ein einundzwanzigjähriger Bulgare aus Sofia namens Kiril Raschkow, soll verhaftet werden. Noch ist Kiril ein eher kleines Licht in der Szene, doch es mangelt ihm nicht an Ehrgeiz, der sich auch in seinem Forennamen ausdrückt: „10KK“, zehn Millionen Dollar, sein angestrebtes Jahreseinkommen.

Bei Kirils Verhaftung haben die Polizisten Mühe, die stahlbewehrte, mit einer selbstgebastelten Riegelkonstruktion verbarrikadierte Eingangstür seiner Wohnung aufzubrechen. Jedenfalls bleibt ihm genügend Zeit, um seine sämtlichen Wechseldatenträger in einen Wok zu legen, mit Spiritus zu übergießen und anzuzünden, seine Festplatten mit einem „Raskat“ genannten Spezialgerät zu löschen, seine beiden Notebooks vom neunten Stock hinab auf die Straße zu werfen – und hinterher zu springen.

Was dort vorgefallen ist, ob Kiril wirklich springen wollte, ob er versucht hat, auf der Flucht vor der Polizei in ein tieferes Stockwerk hinabzuklettern und dabei den Halt verlor oder ob er gar von den wütenden Beamten vom Balkon gestoßen wurde, wie manche seiner Freunde behaupten, wer weiß?

Ich weiß nur, dass mir sein Tod sehr nahe geht. Ich fühle mich daran mitschuldig. Als die ersten Meldungen über seinen Tod in den Foren gepostet werden, ist mir zum Heulen. Mit seinem Tod ist aus einem Online-Rollenspiel „Guter Hacker gegen Böse Hacker“ auf einmal Realität geworden. Genau darauf habe ich es natürlich angelegt, als ich beginne, den Secret Service mit Informationen zu beliefern – aber doch nicht mit solchen Konsequenzen! Diese tödliche Menschenhatz habe ich nicht gewollt, damit hätte ich nicht im Traum gerechnet!

Kapitel 1

Zuse kommt am Telefon schnell auf den Punkt: „Ich wollte dich um einen Gefallen bitten, Markus.“

„Um was geht es denn?“

„Irgendjemand hat einer Bekannten von mir die Kiste komplett auf links gedreht, mit einem RAT oder so.“

„Ja und?“ So etwas kommt vor. Zuse, einer der führenden Köpfe des Kölner Chaos Computer Clubs, ist der denkbar beste Ansprechpartner in einer solchen Notlage.

„Ich finde da aber nichts.“

„Wie, du findest nichts? Das kann nicht sein.“

„Ich habe jetzt bestimmt zwei Wochen lang in der Kiste herumgepopelt, mit allen erdenklichen Diagnosetools. Ich habe das Betriebssystem komplett neu aufgesetzt …“

„Windoof?“, unterbreche ich ihn.

„Ja, Windoof“, gesteht ein peinlich berührter Zuse. Er fährt fort: „Ich habe überall gesucht, habe die Kiste sogar bis auf die letzte Schraube zerlegt und die gesamte Hardware durchgemessen. Da ist nichts.“

„Kann nicht sein.“

„Doch!“, protestiert er entnervt. „Alles erscheint völlig normal, aber das Problem besteht fort, der Typ ist nach wie vor jeden Tag auf ihrer Kiste drauf.“

„Woher weißt du das, ich meine, dass der Ratter nach wie vor Zugriff hat?“

„Das soll sie dir lieber selbst erklären, das ist eine ziemlich merkwürdige Geschichte.“

Wohl jedes Opfer eines „Ratters“ glaubt, eine ziemlich merkwürdige Geschichte erzählen zu können. In Wahrheit ist es immer dieselbe Geschichte, die zwar an Abgründe der menschlichen Psyche rührt, aber in technischer Hinsicht ziemlich trivial ist. Ich habe keine Zeit, mich um derlei Kinderkram zu kümmern, und nehme es Zuse persönlich übel, dass er die Ursache des Problems nicht schon längst entdeckt und beseitigt hat. Ein solcher Angriff verläuft nicht spurlos, auf dem Computer des Opfers muss etwas zu finden sein. „Warum installiert sie nicht einfach eine vernünftige Linux-Distribution?“, frage ich unwirsch. „Damit wäre das Problem doch im Handumdrehen gelöst.“

„Sie will aber wissen, was da abläuft, wer dahintersteckt. Die Frau ist total durch den Wind, diese Ungewissheit macht sie fertig. Komm, Markus, bitte tu mir den Gefallen und schau dir ihre Kiste wenigstens mal an. Ich habe ihr versprochen, dass du dich bei ihr melden wirst. Ich habe ihr gesagt, dass du ein absoluter Crack bist, ein Experte für die Schwarzen Künste. Bist du ja auch.“

„Na gut, ich schaue es mir mal an“, gebe ich geschmeichelt nach. Zuse selbst ist ein überaus fähiger Programmierer und ein wahrer Virtuose des Lötkolbens, doch von den Schwarzen Künsten verstehe ich tatsächlich mehr als er. Er kennt mich nur aus alten Zeiten als einen fanatischen Jäger von kriminellen Black-Hat-Hackern. Er weiß nicht, dass ich eine Zeit lang unfreiwillig die Fronten gewechselt hatte und einem der gefährlichsten Cyberkriminellen der Welt als Assistent diente – warum, ist eine lange Geschichte. Jedenfalls habe ich dabei einige Tricks gelernt, die sogar ein Zuse nicht kennt. „Wie heißt denn die gute Frau?“

„Schütz, Nina Schütz. Wie der Schütze ohne e“, antwortet Zuse erleichtert und diktiert mir ihre Handynummer. „Sie wohnt im Belgischen Viertel, Bismarckstraße 15 a.“

Da ich am Abend nichts vorhabe – meine Freundin ist derzeit auf einer Fortbildung – und diesen lästigen Pflichttermin möglichst rasch hinter mich bringen möchte, rufe ich sofort im Anschluss an das Gespräch mit Zuse besagte Frau Schütz an.

Die Stimme am anderen Ende der Leitung ist überraschend tief, ihr Ton ausgesprochen höflich, ihre Wortwahl je nach Sichtweise des Zuhörers altmodisch bis schwülstig: „Oh, Herr Doktor Schrader, ich bin ja so unendlich erleichtert, dass Sie gewillt sind, sich meines Problems anzunehmen. Ihr Freund Herr Zuse hat Sie in den höchsten Tönen gepriesen. Er sagte, wenn mir jemand helfen könne, dann Sie, nur Sie.“

Über den Ausdruck „Herr Zuse“ muss ich grinsen. Zuse heißt eigentlich Holger Terschluse, Zuse ist lediglich sein Handle, sein Spitzname in Hackerkreisen. Woher mag diese feine alte Dame wohl einen Chaoten wie ihn kennen? Wahrscheinlich ist sie eine Freundin seiner Eltern oder etwas Ähnliches, jedenfalls eine Frau, der gegenüber er sich zur Hilfeleistung verpflichtet fühlt. Zuse hat seine Zeit auch nicht gestohlen, für eine Wildfremde würde er sich kaum derart engagieren.

Wie dem auch sein möge, Frau Schütz wirkt ausgesprochen dankbar. Sie nimmt nicht nur meinen Terminvorschlag, sieben Uhr an diesem Abend, ohne Zögern an, sondern bietet mir im gleichen Atemzug „jeden Preis“, falls es mir gelinge, den mysteriösen Einbruch in ihren Computer aufzuklären. Ich lehne amüsiert ab, die Geste weiß ich dennoch zu schätzen.

 

Kapitel 2

Um kurz vor sieben an diesem düsteren Herbstabend erklimme ich langsam die ausgetretene Holztreppe des Altbaus, in dem Frau Schütz wohnt. Sie hatte mich am Telefon fürsorglich vorgewarnt, dass das Haus keinen Lift besitze und dass sie im obersten Stockwerk wohne, darum lasse ich mir Zeit. Die Treppenstufen knarren unter meinen Füßen, aus den Wohnungstüren rechts und links der Treppenabsätze dringen Essensgerüche und Fernsehgeräusche. Die Treppe ist ausgesprochen steil, fast wie eine Hühnerleiter, darum bin ich ihr bald für die Warnung dankbar. Die Ärmste! Für eine Seniorin wie sie kann es nicht einfach sein, jeden Tag diese Treppen steigen zu müssen.

Endlich bin ich im fünften Stockwerk angekommen. Wie ich sehe, ist hier oben nur eine Tür. Frau Schütz hat also die ganze Etage für sich allein. Nicht übel, zumal in dieser Lage! Die Tür öffnet sich, noch bevor ich den Treppenabsatz erreicht habe. Kein Wunder, so wie die Treppe knarrt. Ich trete näher und stelle mich vor. Die Frau in der Tür erwidert meinen Gruß, stellt sich ebenfalls vor und reicht mir die Hand. Noch während ich ihre Hand schüttele, verrät mir ein winziges Zucken ihrer vollen, waagerechten, beinahe maskulinen Augenbrauen, warum sie mir ihre Hand mit dem Handrücken nach oben und den Fingern zum Boden zeigend gegeben hat: Sie hatte einen Handkuss erwartet, keinen Handschlag. Diesen gesellschaftlichen Fauxpas verzeihe ich mir selbst ohne Weiteres, aus drei Gründen. Erstens ist Nina Schütz keine alte Dame, sondern höchstens so alt wie ich – ich bin neunundzwanzig –, zweitens hat sie die Figur eines Pin-up-Girls, drittens ist sie so gut wie nackt.

Ihr ungeschminktes Gesicht ist lediglich hübsch, nicht klassisch schön; neben den burschikosen Augenbrauen stört mich daran auch die etwas zu lange, schmale Nase. An ihren großen grünen Katzenaugen, ihrem anmutig geschwungenen, vollen Mund, ihren hohen Wangenknochen und ihren straff zurückgebundenen, kastanienbraunen langen Haaren hingegen gibt es nichts zu bemängeln. Vom Hals abwärts indessen ist ihr Anblick wahrhaft atemberaubend. Sie trägt ein locker fallendes, tief dekolletiertes schwarzes Spitzentop mit Spaghettiträgern, welches mehr aus Löchern denn aus Stoff besteht und der Fantasie rein gar nichts überlässt. Darunter hat sie nichts an. Ihre knöchellange schwarze Stretchhose liegt an wie ein Bodypainting. Selbst ein winziger Stringtanga würde darunter auftragen. Sie trägt keinen. Sie ist barfuß und ihre gepflegten Zehennägel sind korallenrot lackiert.

Hat sich Zuse einen Schabernack mit mir erlaubt, frage ich mich. Ist diese Nina Schütz eine professionelle Stripperin, wird sie gleich auch noch die letzten Hüllen fallen lassen, während Zuse mit versteckter Kamera filmt und sich dabei köstlich über meinen verdutzten Gesichtsausdruck amüsiert?

Ein riesiger Afghanischer Windhund, der aussieht, als hätte ihm jemand in einer Champagnerlaune eine blonde Langhaarperücke mit Mittelscheitel aufgesetzt, versucht knurrend und schweifwedelnd, sich an ihr vorbei zu drängen. Der Hund sieht derart debil aus, dass es mir unmöglich ist, mich vor ihm zu fürchten. Sie beugt sich tief aus der Hüfte vor, schlingt ihre Arme um den Hals des Afghanen und hält ihn zurück: „Argos, aus! Willst du wohl den lieben Doktor Schrader in Frieden lassen!“

Fast möchte es scheinen, als hätte sie das mit Absicht gemacht. Jedenfalls genießt der liebe Doktor Schrader einen Moment lang einen vollends ungehinderten Blick auf ihre Brüste: ausgesprochen üppig, anscheinend naturbelassen, dabei aber bemerkenswert formstabil. Meine Güte, sogar einen Leberfleck oben auf dem linken Brustansatz hat sie. Herr, gib mir Keuschheit und Enthaltsamkeit, jetzt sofort.

Nachdem der Afghane gebändigt ist, dreht sie sich um und bittet mich, ihr zu folgen. Während der paar Schritte durch das Halbdunkel des Korridors hindurch kann ich meinen Blick nicht von ihrer Figur abwenden. Obwohl sie beinahe einen Kopf kleiner ist als ich, sind ihre Beine ebenso lang wie meine: gerade, schlanke, aber nicht zu schlanke Beine unter einem schmalen, muskulösen Gesäß, das knabenhaft wirken würde, wenn ihre Taille nicht noch erheblich dünner als ihre Hüften wäre, eine sprichwörtliche Wespentaille. Darüber pendelt ihr dichter, glänzender, bis über die Schulterblätter reichender Pferdeschwanz rhythmisch bei jedem Schritt, nun, wie der Schweif eines Pferdes.

Kurzum, sie besitzt jene Art unmittelbar augenfälliger, emphatischer Körperschönheit, auf der eine Frau eine Karriere begründen kann, und sie präsentiert sich wie jemand, der diesen Weg gewählt hat. Doch es gibt eine Vielzahl derartiger Karrieren: Model, Popsternchen, Schauspielerin, Tänzerin und so weiter. Welche die ihre sein könnte, vermag ich beim besten Willen nicht zu erraten. Ihre aufreizende Bekleidung und provokanten Posen verorten sie am schmuddeligen, offen sexualisierten Ende des Spektrums; ihre manierierte Sprache und steifen Umgangsformen dagegen strafen jenen Eindruck Lügen.

Meine Verwirrung steigert sich noch, als wir das Wohnzimmer betreten: Das Zimmer ist riesig, mindestens zwölf mal fünf Meter, und exquisit eingerichtet. Der Fußboden ist aus altem Tafelparkett. Über die gesamte Fläche des Raumes verteilt hängen Kerzenhalter an unsichtbaren Drähten von der hohen Stuckdecke, in unterschiedlichen Höhen. Die brennenden Kerzen, zwanzig oder mehr, bewegen sich mit jedem Luftzug und scheinen in der Luft zu schweben wie Glühwürmchen. Die Farbe der mit afrikanischen Schilden und Speeren dekorierten Wände lässt sich im Kerzenlicht nur schwer ausmachen, irgendetwas zwischen Ocker und Siena. An der linken Schmalseite des Raumes steht ein schwarzer, ovaler Esstisch mit sechs hochlehnigen schwarzen Stühlen, guten Repliken oder gar Originalen von Charles Rennie Mackintosh. In der Mitte der uns zugewandten Längsseite des Raumes befindet sich eine Sitzgruppe aus irgendeinem naturfarbenen Leder. Dort nehmen wir nebeneinander auf dem Sofa Platz. Das Leder fühlt sich butterzart an; ich wusste zuvor gar nicht, dass Leder solch eine wundervolle Textur haben kann.

Ich atme tief durch und lasse den Raum weiter auf mich einwirken. Heiß ist es hier drinnen, sehr heiß, und das ist nicht allein dem Treppensteigen geschuldet oder dem Umstand, dass meine Gastgeberin keine Unterwäsche trägt. Außerdem riecht es seltsam, nicht unangenehm, aber ungewohnt: In das süße, schwere Parfum meiner Gastgeberin mischt sich eine stechende, animalische Note. Ist dafür der Afghane verantwortlich?

Ich blicke mich weiter um. Vor uns auf der gegenüberliegenden Längsseite des Raumes steht eine Hi-Fi-Anlage vom Feinsten: Transrotor-Plattenspieler, Meridian-CD-Player, Accuphase-Vor- und Endstufen, Wilson-Benesch-Lautsprecher. Auf der Anlage spielt ganz leise ein gregorianischer Choral. Gerne würde ich einmal testweise die Lautstärke erhöhen, um zu hören, was die Anlage wirklich kann, wie gut sie die Modulation der Stimmen abbildet, will jedoch nicht vorwitzig wirken. Ich selbst bin ebenfalls audiophil veranlagt, von solch einer Anlage träume ich schon lange. Angesichts des Anschaffungspreises werde ich davon leider noch viele Jahre lang träumen müssen. Nina Schütz hingegen scheint ausgesprochen solvent zu sein. Ich bedauere allmählich, ihr Angebot, mir für die Lösung ihres Problems „jeden Preis“ zu zahlen, ausgeschlagen zu haben.

Ich lasse meinen Blick weiterschweifen. Was ist das da auf der rechten Zimmerseite? Eine gigantische Voliere?

„Das sind Iota und Keraia, meine beiden kleinen Ozelots. Die beiden sind Brüderchen und Schwesterchen. Irgendwann demnächst werde ich sie deshalb leider trennen müssen“, sagt meine Gastgeberin, die meinem Blick gefolgt ist.

Ozelots, na klar. Ich schaue genauer hin: Wahrhaftig, hinter den Gitterstäben des Käfigs sind zwei Katzen zu erkennen, kaum größer als ausgewachsene Hauskatzen, aber mit einer ungewöhnlichen Fellmaserung und runden Ohren.

„Darf ich Ihnen ein Glas Wein anbieten, Herr Doktor Schrader?“

„Ja, bitte.“ Eigentlich hätte ich lieber ein Glas Wasser gegen die Hitze, aber diese Person und das Ambiente ihrer Wohnung haben mich nachgerade eingeschüchtert, darum wähle ich den Weg des geringsten Widerstands.

„Ich habe gerade einen Masseto von Ornellaia offen. Wäre der für Sie akzeptabel, Herr Doktor Schrader?“

„Aber natürlich, Frau Schütz. Sehr gerne.“ Zwar habe ich keine Ahnung, was ein Masseto und wer Ornellaia ist, doch ich verlasse mich auf ihren exzellenten Geschmack.

Sie erhebt sich. Der Afghane, der es sich zu meinen Füßen bequem gemacht hat, und ich sehen ihr gemeinsam nach, wie sie den Raum verlässt. Der Afghane gähnt dabei, doch ich genieße den Anblick voll konzentriert.

Als sie mit zwei Gläsern und einer drei viertel vollen Flasche in den Händen zurückkommt, lässt sie das Licht im Flur hinter sich an. Im Gegenlicht ist ihr Spitzentop nahezu unsichtbar. Ich mühe mich nach Kräften, sie nicht allzu offensichtlich anzustarren, doch ohne Erfolg. Während sie am Esstisch steht und andächtig den Wein einschenkt, lächelt sie und sagt: „Meine Kätzchen haben es gerne warm, darum ist so ein Spitzenoberteil sehr praktisch. Aber falls Sie der Anblick irritiert, könnte ich mir auch schnell ein T-Shirt überziehen. Soll ich?“

Verlegen krächze ich: „Nein, nein, es stört mich gar nicht. Im Gegenteil.“

Sie grinst schelmisch, gibt mir mein Glas in die Hand, lässt sich dann seitlich neben mir auf das Sofa sinken, lehnt sich bequem zurück und legt ihre gekreuzten Unterschenkel quer über meine Oberschenkel. Ganz nonchalant, als ob es nichts zu bedeuten hätte, als ob ich Bestandteil des Mobiliars wäre. Hilfe, denke ich, was soll denn das? Ich versuche, diese Distanzlosigkeit gleichermaßen nonchalant zu ignorieren. Das fällt mir nicht leicht, denn mich treibt in diesem Augenblick die unbegründete, aber deswegen nicht weniger quälende Befürchtung um, ich könnte unwillkürlich eine Erektion bekommen, sie könnte dies bemerken und mich deshalb für einen Sittenstrolch halten. Womöglich entlarvt mich bereits jene abartige Befürchtung als einen solchen, ist eine selbsterfüllende Prophezeiung. – Verzweifelt zwinge ich meine Gedanken zurück in andere, gesündere Bahnen.

Nachdem wir beide von dem Wein genippt haben, fragt sie: „Sind Sie wirklich ein Doktor der Philosophie, wie Herr Zuse sagte?“

„Ja, das stimmt. Ich bin Dozent für Logik am Philosophischen Seminar der Uni Köln.“

„Ein Dozent sogar“, haucht sie bewundernd, „für Logik. Aber Sie sind doch noch so jung, Herr Doktor Schrader! Sie müssen ein wahres Wunderkind sein.“

Ich wehre lächelnd ab. „Ein Wunderkind bin ich beileibe nicht. Aber Sie haben recht, ich bin noch jung und Sie sind es auch. Wollen wir uns nicht endlich duzen? Ich bin der Markus.“

Sie zieht eine kleine Schnute der Enttäuschung und protestiert: „Ich will keinesfalls unhöflich wirken, Herr Doktor Schrader, aber, wissen Sie, ich liebe gebildete Männer, ich verehre gebildete Männer über alles. Sie dürfen mich gerne ‚Nina‘ nennen, wenn Sie mögen, aber mir selbst bereitet es einen solchen Genuss, die Anrede ‚Herr Doktor‘ auszusprechen, dass ich lieber dabei bleiben möchte.“

„Gut, dann verbleiben wir so, Nina.“ Kein Zweifel, die Frau hat einen Dachschaden. Das erklärt alles, von ihrem Aufzug bis zu ihren Allüren. Immerhin, es fühlt sich natürlicher und situationsgerechter an, eine halb nackte Frau mit dem Vornamen anzusprechen. Allmählich gewinne ich meine Contenance wieder und traue mich, sie zu fragen, was sie beruflich macht.

„Krankengymnastin“, antwortet sie kurz angebunden und in geradezu abfälligem Tonfall, lässt keinen Zweifel daran, dass sie keine Lust hat, über sich selbst zu reden. Eine Krankengymnastin, wundere ich mich. Okay, das erklärt ihren durchtrainierten Körper, wie aber kann sich eine Krankengymnastin solch einen opulenten Lebensstil leisten? Hat sie reich geerbt oder hat sie einen Millionär zum Geliebten? Das kann ich sie nun wirklich nicht fragen.

„Herr Zuse sagte, dass Sie ein begnadeter Hacker seien, Herr Doktor Schrader. Einer der besten, sagte er. Ist das wahr?“

„Ich kenne mich ein bisschen mit solchen Dingen aus“, entgegne ich bescheiden.

„Unglaublich!“, gurrt sie. „Sie sind also ein Philosoph und ein Computergenie zugleich! Das ist ja phänomenal, mein lieber, brillanter Herr Doktor Schrader!“ Ihre leise, tiefe Stimme wird dabei lauter und steigt um eine Oktave.

Ich weiß, es klingt widersinnig, doch ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Gedanke an meine intellektuellen Fertigkeiten Nina regelrecht erregt. Die Situation erinnert mich an einen Cartoon von Gary Larson, in dem zwei bärtige, bebrillte Gelehrtentypen am Strand stehen und Tafeln mit mathematischen Formeln in die Höhe halten: Auf den mit der längeren, komplexeren Formel stürzen sich die Bikinischönheiten. Nie hätte ich gedacht, dass es auch im wahren Leben Frauen geben könnte, die den Mann mit der längeren Formel dem mit der längeren Yacht vorziehen. Nina jedoch scheint eine solche Frau zu sein. Ich frage mich, wie sie so geworden ist. Ist es, weil sie selbst vermögend ist, aber schulisch nicht sonderlich begabt?

Um mich vom Grübeln über das Schicksal abzubringen und meine Gedanken wieder auf den Pfad der Tugend zu führen, reiße ich mich zusammen und frage Nina, wie ich ihr denn helfen könne.

Kapitel 1

Es geschieht nicht jeden Tag, dass mich ein Organ der Rechtspflege indirekt zur Begehung schwerer Straftaten auffordert. Nichts anderes jedoch hat mein Anwalt, der bekannte Verteidiger Harald Hencker, vermutlich im Sinn, als er früh am Montagmorgen anruft, um mich eilends in seine Kanzlei zu bitten: Ein anderer Mandant wolle mich unbedingt persönlich kennenlernen, so bald wie möglich, am besten sofort. Mehr will er am Telefon nicht preisgeben.

Auch dieser Julitag verspricht, strahlend schön zu werden, es sind Semesterferien und eigentlich wollte ich heute wieder ins Freibad gehen. Doch ich sage natürlich zu. Zum einen ist Hencker inzwischen beinahe so etwas wie mein persönlicher Schutzengel geworden, zum anderen berste ich beinahe vor Neugierde, wer wohl dieser mysteriöse Mandant sein könnte. Zwar zählt Hencker auch die absolute Crème des Abschaums zu seiner Kundschaft, aber ich glaube kaum, dass er mich Päderasten, Menschenhändlern oder dergleichen persönlich vorstellen würde. Zumindest hoffe ich das.

Ich tausche meine Shorts und Sandalen gegen Chinos und Leinenschuhe, packe für später eine Tasche mit meinen Badesachen und mache mich auf den Weg. Mein erst vor wenigen Monaten erworbenes Morgan Plus 4 Cabrio, ein Andenken an meinen letzten Fall als digitaler Kammerjäger, treibt mir auch bei dieser Fahrt wieder ein Grinsen ins Gesicht: Wahrer Luxus sind nur diejenigen guten Dinge, die man sich eigentlich nicht leisten kann. Henckers Vorzimmerdame, die mich offenbar hat kommen sehen, begrüßt mich ebenso gut gelaunt und führt mich schnurstracks zu seinem Büro. Oha, schmunzele ich, heute mal die VIP-Behandlung. Normalerweise lässt sie mich immer kurz am Empfang warten, während sie mich bei ihrem Chef anmeldet.

Während er sich überschwänglich für mein promptes Erscheinen bedankt, schmunzelt Hencker wie über einen anzüglichen Witz, dessen Pointe nur er selbst versteht. Anders als die meisten Vertreter der Verteidigerzunft sieht er nicht aus, als ob er den dunkelblauen Nadelstreifenanzug, den er trotz des hochsommerlichen Wetters trägt, eigenhändig gestohlen hätte. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich mich von seinem altväterlichen, gediegenen Habitus – Uhrkette quer über dem Bauchansatz, Lesebrille auf der Nasenspitze, Siegelring, streng nach hinten gekämmtes silbergraues Haar, makellos manikürte Fingernägel, blütenweißes Einstecktuch – blenden lassen. Doch ich weiß aus eigener Erfahrung, dass er es faustdick hinter den Ohren hat. Angesichts der Umstände bin vermutlich ich selbst das As, welches er gleich aus dem Ärmel zu ziehen und vor seinem verblüfften Gegenüber auf den Tisch zu blättern gedenkt. Darum lächele ich augenzwinkernd zurück.

Er erhebt sich, tritt hinter seinem Schreibtisch hervor und geleitet mich geradewegs wieder aus seinem Büro heraus. Nach ein paar Schritten bleibt er vor einer Tür im Korridor stehen, öffnet diese und bedeutet mir einzutreten. Ich leiste seiner Aufforderung Folge und blicke mich kurz in dem Zimmer um: Es handelt sich dabei um einen Besprechungsraum, in dem ein Dutzend Freischwinger um einen großen schwarzen Konferenztisch herum stehen. Auf dem Tisch stehen Kaffee und Erfrischungsgetränke bereit, vor jedem der Stühle liegt ein Schreibblock sowie ein akkurat gespitzter Bleistift. Am Kopf des Tisches sitzt ein blonder, gut aussehender Mann von ungefähr Mitte dreißig und mustert mich ausdruckslos.

Hinter mir höre ich ein Klicken. Ich wende mich um und bemerke, dass Hencker einfach so verschwunden ist. Was auch immer mein Gegenüber von mir wollen mag, muss demnach mehr als nur ein bisschen verboten sein, dämmert es mir. Schlagartig werde ich misstrauisch.

Der Mann erhebt sich, kommt langsam zu mir herüber, bleckt seine perlweißen Zähne zu einem Lächeln und sagt: „Guten Tag. Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Beerboom.“ Ich stelle mich ebenfalls vor. Beim Händeschütteln sehe ich, dass das goldene Chronometer an seinem Handgelenk derart groß und protzig ist, dass er es eigentlich besser von einem Lakaien auf einem roten Samtkissen hinter sich her tragen lassen sollte. Überhaupt sondert Beerboom Reichtum aus jeder Pore ab. Die verschrammten, aber hochglänzenden braunen Budapester an seinen Füßen erkennt mein neidvoller Kennerblick – ja, ich gestehe, ich habe einen Schuhtick – sofort als Maßschuhe, denn nur solche sind derart schmal im Mittelfuß. Auch sein cremefarbener Seidenanzug ist zweifellos eine Maßanfertigung, so etwas Extravagantes gibt es nicht von der Stange zu kaufen. Darunter trägt er ein offenes hellblaues Hemd mit Umschlagmanschetten. Auf den Manschettenknöpfen prangen Anker und Windrosen, nautische Symbole, die gut zu seinem nougatfarbenen Teint und seinen von der Sonne gebleichten Haaren passen, welche ihm über den geöffneten Hemdkragen wallen. Kurzum, er sieht aus, als ob er auf einer Luxusyacht zu diesem Termin geschippert wäre.

Er überreicht mir seine Karte, so dick und schwer wie ein Zehntausend-Euro-Jeton in einem exklusiven Spielkasino. Der erhabene Stahlstichprägedruck darauf weist ihn aus als Cornel M. Beerboom, Vice President und CFO der Privatbank Beerboom in Aachen, einem Geldinstitut, von dem ich noch nie zuvor gehört habe.

Nachdem ich mich mit meiner eigenen Visitenkarte revanchiert habe, legt sich seine Stirn in Falten: „Doktor Markus Schrader, Wissenschaftlicher Mitarbeiter & Lecturer, Philosophisches Seminar der Universität zu Köln“, liest er davon ab. „Soll das ein Witz sein?“

„Wieso?“, frage ich leicht pikiert. „Es stimmt, was da steht; ich bin Lehrbeauftragter für Logik an der Uni. Hat Herr Hencker Ihnen das nicht erzählt?“

„Nein. Mir hat er etwas ganz anderes über Sie erzählt, Herr Doktor Schrader. Er sagte, Sie seien ein Experte für Computersicherheit, genauer: ein Hacker.“

„Auch das ist richtig, aber mit der offensiven Seite der Computersicherheit beschäftige ich mich bloß nebenbei, als Hobby. Von Beruf bin ich akademischer Philosoph.“

„Als Hobby, soso. Aber Sie können das tatsächlich, in anderer Leute Computer einbrechen und all das?“

„Ich will nicht unbescheiden wirken“, stapele ich tief, „aber ich kann das sogar recht gut.“

Er lächelt erleichtert zurück. „Das ist ausgezeichnet, ganz ausgezeichnet. Vielleicht ist es sogar von Vorteil, dass Sie nicht davon leben müssen, vielleicht macht Sie das ein bisschen flexibler als andere. Ich will Ihnen ein kleines Geheimnis anvertrauen: Unsere eigenen IT-Leute bei der Bank haben mich zunächst an eine Firma für Computersicherheit verwiesen, die gelegentlich unsere Systeme auf Schwachstellen abklopft, als sogenannte Penetrationstester. Ist Ihnen das ein Begriff?“

„Natürlich. Wenn ich keine anderen Pläne hätte, würde ich wahrscheinlich selbst auf dem Gebiet arbeiten.“

„Ausgezeichnet. Das Problem ist, diese Leute haben sich geweigert, meinen Auftrag auszuführen, wegen irgendwelcher ethischen Bedenken. Umgekehrt habe ich eine Detektei an der Hand, die keine solchen Bedenken hätte, aber denen fehlt das technische Know-how. Die einen könnten, wollen aber nicht, die anderen wollen, können aber nicht. Das ist mein Dilemma, verstehen Sie?“

„Ich verstehe. Nun, ich selbst könnte vermutlich, aber ob ich will, steht auf einem anderen Blatt. Der Umstand, dass mich Rechtsanwalt Hencker gebeten hat, mit Ihnen zu reden, spricht zwar für Sie, aber auch ich bin kein ‚Hacker for Hire‘. Auch ich habe meine Prinzipien.“

„Selbstverständlich“, beschwichtigt er mich. „Ansonsten käme eine Zusammenarbeit mit Ihnen für uns gar nicht infrage. Auch wir sind einem strikten ethischen Leitbild verpflichtet, schon seit mehr als anderthalb Jahrhunderten. Aber genau dieses Ethos zwingt uns nun, etwas zu unternehmen, zum Wohle unserer Kunden und aus unserer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung heraus.“

Gesamtgesellschaftliche Verantwortung – aus dem Munde eines Banksters entlockt mir diese Phrase ein zynisches Grinsen. Ich nehme Platz, schenke mir ein Glas Mineralwasser ein, nehme Stift und Papier zur Hand und fordere ihn salopp auf: „Dann schießen Sie mal los. Worum geht es?“

Zögerlich beginnt er: „Es geht um einen unserer Mitarbeiter, Herrn Feldmann, Richard Feldmann. Er ist einer unserer Kundenberater, manche würden sogar sagen: der Star unter unseren Kundenberatern. Er ist ein gestandener Mann, der zuvor lange Jahre als selbstständiger Vermögensverwalter tätig war und sich dabei einen eigenen Kundenstamm aufgebaut hat, einen kleinen, aber ausgesprochen solventen Personenkreis. Wir reden hier von rund dreißig Personen mit einem liquiden Anlagevermögen von insgesamt mehr als vierhundert Millionen Euro. Mitsamt diesem Kundenkreis ist er vor einigen Jahren zu uns gestoßen. Er kümmert sich nach wie vor persönlich um die Betreuung seiner Kunden und trifft auch weiterhin die Anlageentscheidungen. Normalerweise erledigen das unsere Spezialisten für die verschiedenen Assetklassen; Aufgabe der Kundenberater ist es lediglich, den Kunden deren Entscheidungen zu kommunizieren. Bei ihm ist es wie erwähnt anders. Wir als Bank übernehmen lediglich die Execution und die Back-Office-Dienstleistungen für ihn.“

„Sie führen also seine Kauf- und Verkaufsorders für ihn aus und machen die Kontoführung für seine Kunden“, versuche ich ins Deutsche zu übersetzen.

„Korrekt“, nickt Beerboom. „Bis vor einiger Zeit hat sich dieses Arrangement auch sehr bewährt, für alle Beteiligten. Feldmann konzipierte für seine Kunden wirklich grundsolide, ausgewogene Anlagestrategien, mit denen diese eine überdurchschnittliche Rendite erzielten. Teilweise waren unsere regulären Kunden regelrecht neidisch, denn so etwas spricht sich in den entsprechenden Kreisen natürlich herum. Unsere Bank verdiente gut an den Kommissionen bei seinen Transaktionen und er selbst konnte sich ebenfalls nicht beklagen.“

„Was ist dann passiert?“

„Vor ungefähr drei Jahren trennte er sich freiwillig von einigen seiner Kunden, gab sie an andere Kundenberater unserer Bank ab. Gut, es waren eher kleine, nicht ganz so lukrative Kunden. Dennoch ist das ein beispielloser Vorgang, eine bodenlose Unverschämtheit. Sein ‚Book‘, die Liste seiner Kunden, ist das A und O jedes Kundenberaters, danach richtet sich sein Gehalt. Umgekehrt sind die Kunden eher auf ihre Berater eingeschworen als auf eine bestimmte Bank. Wenn ein guter Berater die Bank wechselt, gehen üblicherweise drei Viertel seiner Kunden mit ihm.“

„Vielleicht wollte er ja die Bank wechseln“, mutmaße ich.

„Nein, das läuft anders ab. Wenn ein Berater abspringen will, beschwatzt er vorher heimlich seine Kunden und verschwindet dann von einem Tag auf den anderen, mitsamt seinen loyalen Kunden. So etwas kündigt man nicht im Vorfeld an, indem man weniger wichtige Kunden aussortiert.“

„Aber was hatte er dann vor?“

„Eine totale Umstellung seiner Anlagestrategie. Seitdem investiert er nämlich mit seinen verbliebenen Kunden fast ausschließlich in Pennystocks. Pennystocks, das muss man sich mal vorstellen, bei Kunden unseres Hauses!“

Er lacht ungläubig auf und schüttelt den Kopf. Ich lache mit ihm, obwohl ich nur eine vage Vorstellung davon habe, was Pennystocks sind.

„Er hat damit fast nur Verluste eingefahren, hohe zweistellige Millionenverluste jedes Jahr“, fährt er fort. „Aber jetzt kommt der Clou. Wir machen jedes Jahr eine Umfrage zur Kundenzufriedenheit. Dabei können die Kunden ihre persönlichen Berater mit detaillierten Punktnoten bewerten. Gerade erst haben wir wieder diese Umfrage durchgeführt, und wissen Sie was? Feldmann hat schon wieder am besten abgeschnitten! Obwohl er seinen Kunden seit drei Jahren in Folge massive Verluste beschert, hat er wieder die zufriedensten Kunden. Alle sind zu einhundert Prozent zufrieden mit ihm. Es sieht doch ein Blinder, dass da etwas nicht stimmen kann!“

„Er muss ein ungemein charmanter Typ sein, wenn ihm seine Kunden so viel Nachsicht entgegenbringen, oder sind es ausnahmslos Kundinnen?“, spöttele ich.

„Charmanter Typ, von wegen! Die zwischenmenschliche Chemie muss stimmen, sicherlich, aber letztendlich geht es immer nur darum, was unterm Strich herauskommt. Der Kunde, der nach drei Jahren negativer Performance hintereinander immer noch rundum zufrieden ist, muss erst noch geboren werden.“

„Wollen Sie damit etwa andeuten, dass seine Kunden in Wirklichkeit gar keine Verluste erlitten haben, dass die nur vorgetäuscht sind?“

„Genau das will ich damit andeuten“, schnaubt er. „Ich habe den Verdacht, dass Feldmann den deutschen Fiskus dummdreist betrügt. Er lässt fingierte Buchverluste entstehen, die seine Kunden in Deutschland gegen ihre übrigen Kapitalerträge verrechnen können, während ihr Geld in Wahrheit über verschlungene Wege in irgendwelche karibischen Steueroasen fließt. Damit riskiert er die Existenz unserer Bank, weil wir für seine Machenschaften haften müssen, wenn die Sache auffliegt. Lange kann das nicht mehr gut gehen, fürchte ich.“

„Sind Sie sicher, dass es das ist?“

„Nein, aber ich bin mir absolut sicher, dass Feldmann mit seinen Kunden irgendwelche illegalen Geschäfte macht. Falls sie tatsächlich diese immensen Verluste erlitten hätten, wären sie längst auf die Barrikaden gegangen. Das wäre natürlich ein Anlass für die Bank, uns Feldmanns seltsames Geschäftsgebaren einmal genauer anzusehen und seinen Kunden gegebenenfalls andere Berater zuzuweisen. Wie gesagt beschweren die Kunden sich aber nicht, ganz im Gegenteil. Das ist ein eindeutiger Beweis, dass sie mit ihm unter einer Decke stecken, dass sie ein gemeinsames Geheimnis haben.“

„Das klingt plausibel. Und solange seine Kunden zu ihm halten, können Sie denen auch keine anderen Berater vor die Nase setzen, nicht wahr?“

„Eben, das ist es ja. Aber ich habe noch eine weitere Befürchtung: Dadurch, dass er einige seiner Kunden abgegeben hat und für die restlichen andauernd Verluste einfährt, haben sich Feldmanns Boni drastisch verringert. Ich könnte mir vorstellen, dass er das wettmacht, indem er seine Kunden übers Ohr haut, heimlich Gelder abzweigt.“

„Wenn man ihm das nachweisen könnte, wären sie wahrscheinlich deutlich weniger zufrieden mit ihm“, lache ich. „Ein krasser Verstoß gegen die Ehre unter Dieben.“

„Ihm das nachzuweisen, wäre sozusagen das Tüpfelchen auf dem i“, entgegnet Beerboom, dem es erkennbar missfällt, dass ich Kunden seiner Bank als Diebe bezeichnet habe. „In erster Linie geht es mir darum herauszufinden, was Feldmann spielt und wer ihn bei seinen seltsamen Geschäften mit Pennystocks unterstützt. Er muss dabei Helfer haben, Broker oder vielleicht sogar eine andere Bank, die bei seinen Trades als Gegenparteien auftreten. Um Kundengelder von der einen in die andere Tasche zaubern zu können, muss er ja beide Seiten der Trades kontrollieren, Käufer- und Verkäuferseite. Ich möchte, dass Sie herausfinden, wer seine Komplizen sind.“

Der Gedanke, dass ich bei diesem Vorhaben gegen eine ganze Schar von Strafgesetzbuchparagrafen verstoßen müsste, beunruhigt mich nicht weiter. Wo kein Kläger, da kein Richter. Zudem reizt mich die Aufgabe an sich, die technische Herausforderung. Mein Problem dabei ist vielmehr moralischer Natur: Meiner Ansicht nach sind Privatbankiers Hyperparasiten, Parasiten also, die bei anderen Parasiten schmarotzen, nämlich bei der von ihren Dividendeneinkommen zehrenden Schicht der Rentierkapitalisten. Für solche Gestalten soll ausgerechnet ich als Linker den Söldner spielen?

Obwohl mir Beerboom fast gleichermaßen unsympathisch ist wie sein untreuer Kundenberater und dessen raffgierige, zwielichtige Klientel, beschließe ich nach kurzem Überlegen, den Auftrag anzunehmen. Allerdings werde ich daraus eine antikapitalistische Umverteilungsaktion machen. Gewissermaßen zum Ausgleich für mein teures Auto, das mir unverdient in den Schoß gefallen ist, werde ich die Bank finanziell bis aufs Mark ausquetschen und mein gesamtes Honorar für gute Zwecke spenden. Der Scheck heiligt die Mittel, wie es so schön heißt.

Als ich Beerboom meinen Tagessatz nenne, den ich natürlich gerne bar und ohne Rechnung ausgezahlt bekommen möchte, reißt er die Augen auf. Ich weiß genau, was er denkt: Fünftausend Euro netto ist der dreifache Tagessatz eines professionellen, gesetzestreuen Penetrationstesters. Stimmt, genau deshalb habe ich diesen Betrag ja auch gewählt.

Dennoch willigt er ohne Zögern ein. Meinen Vorschuss soll ich mir am Nachmittag bei ihm in der Bank abholen, zusammen mit einer Kopie von Feldmanns Personalakte, die er bis dahin aus Geheimhaltungsgründen eigenhändig für mich anfertigen wird. Innerlich frohlockend über den gelungenen Beginn meiner Umverteilungsaktion, verabschiede ich mich von ihm, so scheinbar gelassen ich eben kann.

Im Gehen erblicke ich Hencker, der die Tür seines Büros offen gelassen hat. Als er mich im Korridor sieht, erhebt er sich und kommt hinter seinem Schreibtisch hervor. Da ich annehme, dass er ein paar Worte mit mir wechseln möchte, bleibe ich stehen. Hencker aber geht wortlos an mir vorbei zum Konferenzraum, zwinkert mir unterdessen lediglich verstohlen zu. Ich zwinkere amüsiert zurück. Der alte Fuchs wird sich denken können, dass ich den Auftrag angenommen habe. Mutmaßlich knöpft er selbst Beerboom eine horrende „Beratungsgebühr“ dafür ab, ihm den Kontakt zu mir vermittelt zu haben, doch mehr will er mit den kriminellen Geschäften seiner Mandantschaft keinesfalls zu tun haben.

Kapitel 2

Bei der Privatbank Beerboom, das lerne ich schnell, ist nichts so wie bei Banken für Normalverbraucher. Obwohl mich mein Navi auf Anhieb zur richtigen Adresse lotst, fahre ich zunächst drei Mal vergeblich an dem unweit des Spielkasinos am Aachener Alleenring gelegenen Gebäude vorbei, weil ich es nicht als Bank erkenne. Die Hausnummer stimmt, denke ich, aber so wie diese schmucke, weiß gestrichene Jugendstilvilla sieht doch kein Geschäftshaus aus. Erst nachdem ich in meiner Verzweiflung beschließe, mich dem Navi zu fügen und meinen Wagen auf dem Vorplatz abstelle, bemerke ich das auf Hochglanz polierte Messingschild neben der Eingangstür, auf dem „Beerboom“ steht, sonst nichts, noch nicht einmal das Wort „Bank“. Darunter befindet sich ein Klingelknopf.

Nur Augenblicke, nachdem ich jenen Knopf gedrückt habe, öffnet ein finster dreinblickender, muskulöser Mann in schwarzer Livree die Eingangstür und bittet mich mit einer Geste seiner weiß behandschuhten Hand hinein. Verblüfft versuche ich ihm zu erklären, wer ich bin und was mein Begehr ist, doch er verweist mich nur mit einer weiteren Handbewegung an die Rezeptionistin, die hinter einem schwarzen Marmortresen thront, auf dem eine einzelne weiße Orchidee in einer schwarzen Vase steht. Sehr geschmackvoll. Noch während ich vor ihr mein Sprüchlein aufsage, deutet jene aparte junge Dame mit dem langen, korallenrot lackierten Nagel ihres Zeigefingers auf den Lift. „Herr Beerboom Junior erwartet Sie bereits“, flötet sie. Zugleich ergreift sie mit ihrer anderen Hand eine Fernbedienung, mit der sie den Lift für mich öffnet. Nachdem ich den Aufzug betreten habe, bemerke ich, dass er keine Tasten hat. Dennoch setzt er sich sofort in Bewegung – ferngesteuert. „Willkommen, Mister Bond“, murmele ich, halb beeindruckt, halb belustigt.

Der Kontrast zwischen dem gediegenen, unauffälligen Äußeren und dem ultramodernen, opulenten Inneren des Gebäudes überrumpelt mich derart, dass ich kaum dazu komme, mich in der Empfangshalle umzusehen. Als der Lift anhält, wartet mein Auftraggeber bereits vor der Tür. Mit einem geübten Bewegungsablauf schüttelt er mir die Hand, tritt dann seitlich neben mich, legt mir die Hand auf den Rücken und bugsiert mich sanft, aber bestimmt in sein Büro. Abermals geht alles so geschwind, dass ich kaum dazu komme, mich umzublicken.

Letzteres hole ich dann in seinem herrschaftlichen Büro ausgiebig nach: Parkettboden, holzvertäfelte Wände, Stuckdecke mit Kronleuchter, karmesinrote Samtvorhänge vor den Fenstern, eine Sitzgruppe mit dunkelgrün gepolsterten Klubsesseln, überall dicke Perserteppiche auf dem Boden, ein englischer Kapitänsschreibtisch, auf dem ein angejahrter schwarzer PC steht. Die Luft ist trocken und eiskalt. Abgesehen von zwei kleinen bronzenen Schiffsschrauben inmitten all der düsteren Ölgemälde an den Wänden weist der Raum keinerlei persönliche Note auf. Falls Beerboom irgendwo ein Foto seiner Familie haben sollte, ist es gut versteckt.

Er macht es kurz, sehr kurz. Er übergibt mir einen prallvollen braunen Umschlag, in dem sich, wie er sagt, dreißigtausend Euro in bar befinden, als Vorschuss. Ein guter Anfang, denke ich. Natürlich gebe ich mir nicht die Blöße, das Geld vor seinen Augen nachzuzählen. Anschließend holt er meine Kopie von Feldmanns Personalakte aus einer Schublade seines Schreibtischs hervor. Bei deren Anblick gehen mir fast die Augen über, denn sie ist so dick wie ein Telefonbuch. Wie wohl zu erwarten war, komme ich nicht dazu, die Akte auch nur zu überfliegen, weil Beerboom unmittelbar darauf einen Schalter an der Wand bei seinem Schreibtisch betätigt. Neben dem Schalter leuchtet ein rotes Licht auf. Er nimmt eine Fernbedienung von seinem Schreibtisch und starrt ungeduldig auf das rote Licht. Sekunden später schaltet das Licht um von Rot auf Grün. Er nickt befriedigt, komplimentiert mich eilends aus seinem Büro heraus und geleitet mich zum Lift, dessen Tür er schon im Gehen mit der Fernbedienung öffnet. Im Erdgeschoss angekommen, wartet vor dem Lift bereits der stumme Muskelmann auf mich und dirigiert mich mit seinen weißen Handschuhen zur Tür hinaus.

Erst draußen auf dem Parkplatz begreife ich, was es mit diesen roten und grünen Lichtern auf sich hat: Die Kunden der Bank sollen einander nicht begegnen. Auch ich sollte keinen der Kunden zu Gesicht bekommen, deshalb haben sie mich so hurtig durch das Gebäude gescheucht. Ich bin im Zwiespalt, ob ich diese Heimlichtuerei raffiniert oder albern finden soll, aber sie bestätigt mich in meinem Entschluss, diesem lichtscheuen Gesindel für meine Dienste so viel Zaster wie irgend möglich abzuknöpfen.

Von Neugierde getrieben, fahre ich nur kurz ums Eck auf die Nizzaallee und parke vor einer weiteren klotzigen Villa, die, wie ich verblüfft feststelle, einer Studentenverbindung gehört. Dort linse ich verstohlen in den Umschlag mit dem Geld. Ha, ich bin reich! Danach kann ich nicht mehr an mich halten und beginne spontan, in Feldmanns Personalakte zu blättern. Sie steckt voller befremdlicher Überraschungen.

Ad eins: Feldmann ist im Februar sechzig Jahre alt geworden. Beerboom hatte ihn mir zwar als einen „gestandenen Mann“ beschrieben, aber angesichts seiner Habgier und Risikobereitschaft war ich implizit davon ausgegangen, es mit einem Mann mittleren Alters zu tun zu haben, der den Zenit seiner Karriere erreicht hat und spürt, dass er mit legalen Mitteln nicht mehr weiter aufsteigen wird.

Ad zwei: In seinen besten Zeiten bei der Bank hat er deutlich über eine Million Euro im Jahr verdient, knapp dreihunderttausend Euro Grundgehalt plus mehr als achthunderttausend Euro an diversen Boni. Im eigentlichen Sinne verdient haben wird er diese fürstliche Entlohnung nicht, korrigiere ich mich, aber er hat sie eingestrichen. Da er seit beinahe zwanzig Jahren geschieden ist und seine beiden Kinder längst erwachsen sind, dürfte er somit inzwischen selbst ein Millionär sein, fast ebenso wohlhabend wie die von ihm betreuten Kunden.

Ad drei: Er ist Mitglied in sage und schreibe vierundneunzig Klubs, Klüngeln, Vereinen und Verbänden, die in der Akte säuberlich aufgelistet sind, vom Aachener Karnevalsverein und dem ADAC über den Malteserorden und die Rotarier bis hin zu politischen Kabalen wie der Atlantik-Brücke und dem Aspen Institute Germany. Ich kann mir denken, warum er auf derart vielen Hochzeiten tanzt. Vermutlich will er dort Kontakte knüpfen und potenzielle Kunden keilen.

Dazu passen auch, ad vier, seine sportlichen Interessen: Aktiv spielt er Golf und fährt Porsche 911 GT3 Cup. Passives Mitglied hingegen ist er in allen möglichen Sportvereinen.

Ad fünf: Feldmanns Akte enthält mehrere vorgefertigte PowerPoint-Präsentationen, mit denen er als Vortragsredner durchs Land tingelt, bei Unternehmerverbänden und in Seniorenheimen auftritt. Die Präsentationen werden von den Analysten des Bankhauses periodisch für ihn aktualisiert und dienen letztlich ebenfalls der Kundenwerbung, mit Titeln wie „Die Eurokrise“ oder „Richtig Stiften und Vererben“.

Ad sechs: Nahezu der gesamte Rest der Personalakte dreht sich um sogenannte Prospects, potenzielle Kunden also, die Feldmann für die Bank zu gewinnen hofft. Die Namen dieser Prospects hat Beerboom in meiner Kopie leider geschwärzt, dennoch ist es ebenso faszinierend wie verblüffend, mit welcher Akribie Feldmann Informationen über seine Zielpersonen zusammengetragen hat: Wann und wo er ihnen jeweils begegnet ist, was dabei gesagt wurde, welche gemeinsamen Bekannten die Personen und er haben, was ihm Dritte über sie an Klatsch und Tratsch zugetragen haben und so weiter. Seine Schilderungen lesen sich wie die Berichte eines emsigen Stasispitzels an seine Führungsoffiziere.

Beim Stichwort „Stasi“ muss ich lächeln, denn fortan werde ich gegenüber Feldmann deren Rolle übernehmen, ihn nach allen Regeln der Kunst unter Wind nehmen. Allerdings weiß ich von Beerboom, dass dies wahrscheinlich nicht ganz einfach werden wird. Die offiziellen Dienstnotebooks der Kundenberater sind stark gesicherte Sonderanfertigungen. Natürlich verwendet Feldmann für seine krummen Geschäfte nicht seinen dienstlichen Rechner, ansonsten brauchte sein Arbeitgeber meine Unterstützung nicht. Ich habe jedoch die Befürchtung, dass sein privater PC jenem dienstlichen Vorbild nachempfunden und ähnlich gut gesichert sein könnte. Ganz so einfach, wie ich es mir anfänglich erhofft hatte, wird dieser Auftrag vermutlich nicht werden.

Da ich nun schon einmal in Aachen bin, mache ich mich als Nächstes auf den Weg zu Feldmanns Haus im Westen der Stadt, nahe dem Dreiländereck Deutschland-Belgien-Niederlande. Die Fahrt dauert nur wenige Minuten. Meine Erkundungstour der Gegend beginnt mit einem Knall: Auf der Steppenbergallee reißt mir eine nicht ausgeschilderte, riesengroße und viel zu hohe Bremsschwelle um ein Haar die Ölwanne ab. Zugegeben, ich war ein wenig zu flott unterwegs, aber diese Bremsschwelle ist absolut gemeingefährlich und sieht aus, als wäre sie von den Anwohnern in Eigenregie errichtet worden. Verfluchte Tat! Während ich meinen geschundenen Wagen unter Mithilfe eines Passanten an der Vorderachse anhebe und ihn rückwärts von der Bremsschwelle herunterhieve wie eine Schubkarre, blicke ich mich erbost um.

Kein Wunder! Das bevorzugte Verkehrsmittel in dieser Nachbarschaft scheinen schwedische Geländewagen zu sein, denen macht so ein Hügelgrab mitten auf der Fahrbahn nichts aus. Die Gegend ist eine ruhige Wohnlage am Waldrand, ein Viertel für gut verdienende Familien mit Kindern, die sich vor den mannigfaltigen Gefahren der Innenstadt ins Grüne geflüchtet haben: Jack-Wolfskin-Land. Das Gros der Gebäude sind moderne zweistöckige Einfamilienhäuser aus den Neunzigerjahren, dicht an dicht gereiht. In den meisten Vorgärten liegt Spielzeug herum, und die besagten Schwedenpanzer tragen Aufkleber wie „Benedikt & Luise an Bord“. Ungeachtet des herrlichen Wetters sind jedoch kaum spielende Kinder zu sehen. Vermutlich haben die Wichtigeres zu tun, müssen Mandarin lernen oder in der Waldorfschule ihre Namen tanzen.

Im Grunde sollte ich den Anwohnern dankbar dafür sein, dass sie zukünftige Rentenbeitragszahler in die Welt setzen, aber die Atmosphäre in diesem speziellen Biotop ist doch arg beklemmend. Nachdem ich meinen Wagen geparkt habe und die Nachbarschaft zu Fuß durchwandere, sehe ich aus den Augenwinkeln entlang meines Wegs die Gardinen zucken. Die Dichte der überall installierten Videokameras, mit denen diese Helikoptereltern ihren Nachwuchs überwachen, ist höher als auf einem Flughafen. Angesichts der sich dergestalt manifestierenden Neurosen überkommt mich beinahe so etwas wie Mitleid. In den Fenstern eines jeden Hauses klebt ein gelbes Plakat „Tihange abschalten!“. Prägnanter als mit diesem unisono in Richtung Belgien gebellten Befehl kann man die merkeldeutsche Mischung aus Konformitätsdruck, Weltrettungswahn und Nationalchauvinismus nicht auf den Punkt bringen. Wer sich hier keines dieser Plakate ins Fenster hängt, wird nicht mehr gegrüßt, da würde ich wetten.

Wie dem auch sein möge, Feldmanns Villa liegt in einer kleinen Seitenstraße und ist ein bisschen stattlicher als die übrigen Häuser, aber ansonsten absolut typisch für die Nachbarschaft: zwei oberirdische Stockwerke, Mauerwerk aus weißen Ytong-Steinen, mit Schiefer gedecktes Spitzdach mit Kamin und Erkerfenstern, penibel gepflegter Vorgarten mit Rosensträuchern und einem Rot-Ahorn, integrierte Doppelgarage mit weißem Metalltor, schmiedeeiserner Gartenzaun mit goldfarben lackierten Spitzen. Wie nahezu alle Häuser in der Gegend ist auch seine Villa mit einer Alarmanlage gesichert. Ihre einzige architektonische Besonderheit ist der zusätzliche Carport davor, ebenfalls mit einem Spitzdach, unter dem ein grellgelber Porsche 911 im Renntrimm steht. Vermutlich dient ihm seine Garage als Werkstatt oder Ersatzteillager für den Rennporsche.

Ich nutze den willkommenen Vorwand, bleibe stehen und tue so, als ob ich den Rennwagen bewundere, der einen Überrollkäfig hat und dessen Innenraum bis aufs nackte Blech ausgeräumt wurde. Vom Bürgersteig bis zu Feldmanns Haus sind es keine zehn Meter, schätze ich, viel zu nah. Direkt gegenüber auf der anderen Straßenseite befindet sich eine ganz ähnliche Villa, deren Bewohner ebenfalls freien Blick auf die Straße haben. Um hier unbemerkt längere Zeit herumlungern zu können, werde ich mir etwas einfallen lassen müssen.

Auf der Heimfahrt in meinen eigenen, deutlich weniger wohnlichen Kiez, eine übel beleumundete Hochhaussiedlung in Köln-Chorweiler, kommt mir eine Idee. Ich brauche einen Kleintransporter, einen voll verglasten Kleintransporter. Außerdem brauche ich natürlich meinen alten Freund und Nachbarn Willi. Als Frührentner hat Willi mehr Freizeit, als er sinnvoll zu nutzen weiß, und als ehemaliger Fremdenlegionär ist er für jedes Abenteuer zu haben.